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Der Bildhauer Oli Stefani aus Karlsruhe-Durlach hatte eine ganz eigene Idee wie man ein „Fingerlabyrinth“ gestalten könnte.
Normalerweise befindet sich dabei das Labyrinth auf einer ebenen Fläche und der Weg wird als Vertiefung mit dem Finger nachgefahren oder mit den Augen verfolgt; bei einem Geschicklichkeitsspiel auch mit einer Kugel.

Oli Stefani hat für sein Fingerlabyrinth eine quadratische Stele aus rotem Sandstein gewählt und das Labyrinth auf den vier Seiten „abgewickelt“. Wenn man das Labyrinth also ganz sehen oder mit dem Finger nachfahren will, muss man sich selbst bewegen und den Stein umkreisen. Es ist also viel mehr Bewegung im Spiel als bei einem üblichen Fingerlabyrinth.

Für sein erstes Werk hat er das klassische 7-gängige Labyrinth in quadratischer Form verwendet. Der Stein ist schon einige Jahre alt und steht in einem privaten Gartengrundstück in Durlach und ist nicht öffentlich zugängig. Schade eigentlich.

Der Eingang ins Labyrinth ist oben. Der Weg wird durch die vertiefte Linie angezeigt und führt zuerst nach links (in Blickrichtung gesehen).
Die Fotos zeigen den Stein von allen Seiten. Es ergeben sich überraschende Blicke auf das wohlbekannte Muster dieses Labyrinths.

Erproben Sie auch eine neue Darstellungsform der Fotos, indem Sie direkt in ein Bild klicken. Im Karussell können Sie nach Belieben blättern und auch wieder hierher zurückkehren. Einfach ausprobieren. 

Kreise im Sand
möchte, dass jeder
die Freude erlebt
ein Labyrinth
zu gehen.

Die Labyrinthe, die ich mache
beschreibt man am besten
als einwegige Irrgärten,
das bedeutet: Ein Weg
in die Mitte.

Keine Entscheidungen treffen,
keine Sackgassen,
einfach gehen.

Wir alle brauchen
Zeit
um auf unserem Weg zu sein.

Namaste’
Denny Dyke, RScP

Bitte schauen Sie ein Video von Mike Fousie über Denny Dyke an, indem Sie auf den Link hier klicken (öffnet sich in einem eigenen Fenster):

Sacred Journeys

Sacred Journeys from LightCurve on the Road – Fousie on Vimeo.

Weiterführender Link

In einem der vorhergehenden Artikel haben wir aus dem kretischen Labyrinth den darin enthaltenen Mäander ermittelt. Jetzt gehen wir den umgekehrten Weg und machen aus einem Mäander ein Labyrinth. Dazu wählen wir aber eine andere Mäanderform, sonst wäre es zu langweilig.

Mäanderband

Mäanderband auf einer Tapete im Boies-Lord House (Foto mit freundlicher Erlaubnis von © Chuck LaChiusa)

Wir machen eine Schemazeichnung der Elemente und nummerieren die senkrechten Linien von links nach rechts. Das werden die Umgänge. Die waagrechten Linien oben und unten stellen die Achsen dar. Es gibt nur 6 Umgänge und nicht 7 wie beim kretischen Labyrinth. Die Wegfolge lautet wie folgt: A-3-2-1-6-5-4-Z. Das müsste der Weg hinein sein. Der Weg heraus: Z-4-5-6-1-2-3-A. Somit ganz anders als wir es gewohnt sind.

Schemazeichnung Mäanderband

Schemazeichnung Mäanderband

Im rechten Element sind oben im Schema die Umgänge von innen nach außen (im Labyrinth) nummeriert. Die Wegfolge für den Weg heraus ist identisch mit der für den Weg hinein. Außerdem ergibt die Summe der beiden Reihen immer 7, das ist auch die Anzahl der Begrenzungslinien (ganz unten rechts zu sehen). Das Labyrinth ist selbstdual, weil bei umgekehrter Wegfolge ein identisches Labyrinth entsteht.
Außerdem ist die untere Zeichenkette noch palindromisch weil sich vorwärts und rückwärts gelesen die gleiche Zeichenkette ergibt.

Aus der Wegfolge und der Schemazeichnung (Diagramm) kann ich nun das dazugehörige Labyrinth ableiten. Ich nehme eine runde Form und erhalte den Ariadnefaden für ein 6-gängiges Labyrinth:

Der Ariadnefaden (in schwarz) im 6-gängigen Labyrinth

Der Ariadnefaden (in schwarz) im 6-gängigen Labyrinth

Ich habe einfach streng und schematisch nach der Wegfolge die Umgänge angeordnet. Zudem ist die Mitte nur eine Wegbreite groß. Das sieht alles nicht sehr harmonisch aus.

Jetzt versuche ich einmal das Grundmuster aus diesem Labyrinth herauszufiltern und auf dessen Grundlage ein Labyrinth zu zeichnen. Diesmal stelle ich die Begrenzungslinien schwarz dar. Das Bild ähnelt schon eher dem gewohntem Anblick.

Das 6-gängige Labyrinth mit dem farbigen Grundmuster

Das 6-gängige Labyrinth mit dem farbigen Grundmuster

Bei näherer Betrachtung des Grundmusters stelle ich fest, dass der senkrechte Balken des Kreuzes durch einen zusätzlichen Durchgang gleichsam gespalten ist. Der linke Teil des Grundmusters ist identisch mit dem wohlbekanntem Grundmuster für das 7-gängige klassische Labyrinth, der rechte Teil ist identisch mit dem Grundmuster für das 3-gängige klassische Labyrinth.
Ich habe also gleichsam zwei halbe Grundmuster vereinigt und daraus ein neues, anderes Labyrinth erzeugt. Oder forscher formuliert: Ein halbes 7-gängiges und ein halbes 3-gängiges macht ein 5-gängiges (3.5+1.5=5). Zusammen mit dem zusätzlichem Durchgang ergibt das ein 6-gängiges Labyrinth.

Um ein etwas harmonischeres rundes Labyrinth zu erhalten wähle ich jetzt eine größere Mitte und mache die Begrenzungslinien nicht mehr so dick. Das sieht so aus:

Ein 6-gängiges klassische Labyrinth

Ein 6-gängiges klassische Labyrinth

Ich stelle fest, dass die Eingangs- und die Zentrumsachse auf einer Linie liegen. Wie üblich gehe ich gleich in den dritten Umgang und dann wieder nach außen. Aber anders als beim kretischen Labyrinth gehe ich dann direkt von ganz außen nach ganz innen und umkreise die Mitte. Doch dann geht es wieder Richtung Eingang und vom vierten Umgang aus schließlich in die Mitte.
Die Linienführung ist zwar ungewohnt, aber mir gefällt sie gut. Doch habe ich noch nie einen solchen Typ als begehbares Labyrinth gesehen. Oder kennt jemand so ein Labyrinth? Oder wer baut so eines als erster?

Jetzt die Frage: Gibt es in der labyrinthischen Überlieferung ein Labyrinth dieser Art? Es gibt.
Also ist das nicht meine Erfindung, sondern vor 1000 Jahren hatte schon einmal jemand diese oder eine ähnliche Idee. Bei Hermann Kern finden sich zwei Exemplare mit dieser Linienführung.
Nach den Vorschlägen von Andreas Frei müsste man diesen Typ >St. Gallen< nennen, denn das ist der erste sichere historische Nachweis.

Typ St. Gallen (10./11. Jh.)

Typ St. Gallen (10./11. Jh.) Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 209

In einer Pergamenthandschrift aus dem 10./11.Jh., die in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt wird, ist das runde Labyrinth als Illustration zu einem Text von Boethius >Trost der Philosophie< (um 480-524 n.Chr.) zu sehen. Offensichtlich wollte der Zeichner dieses Labyrinths ein rundes kretisches 7-gängiges Labyrinth zeichnen, hat sich aber vertan und nur 6 Umgänge gezeichnet und auch sehr viel radiert, um noch eine „richtige“ Linienführung hinzubekommen. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S.176, 177).

Das zweite Labyrinth dieser Art taucht bei den so genannten Jericho-Labyrinthen auf, wo die 6 Umgänge auch noch mit einer anderen Linienführung vorkommen. Aber auch „unseren“ Typ gibt es. Und zwar als ganzseitige Miniatur in einer syrischen Grammatik des Bischofs Timotheus Isaac, geschrieben 1775, in der Josua und die Stadt Jericho als Labyrinth abgebildet sind. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S.197).

Stadt Jericho als Labyrinth (1775)

Stadt Jericho als Labyrinth (1775) Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 229

Ich habe die Zeichnung gedreht, damit man die Linienführung besser erkennen kann. Die 7 Umgänge des kretischen Labyrinths sind zwar vorhanden, aber der erste, äußere Umgang ist nicht zugänglich. Damit ergeben sich 6 Umgänge und eine Linienführung wie beim runden Typ von St. Gallen. Wie der Zeichner zu dieser Linienführung kam, ist kaum nachzuvollziehen, aber vermutlich nicht mit der Methode >Versuch und Irrtum<.

Weiterführende Links

  • Über den Mäander gibt es einen Artikel bei Wikipedia, in dem viele verschiedene Mäanderformen abgebildet sind. Lesen Sie auch den englischen Artikel. Da gibt es schon Hinweise zum Labyrinth.
    Hier der Link … >
  • Das Foto mit der Mäanderband in diesem Artikel habe ich auf der Website von Chuck LaChiusa gefunden. Dort sind noch mehr Fotos von anderen Mäandermustern zu sehen und einige Informationen zum Zusammenhang Mäander und Labyrinth, allerdings in Englisch, zu finden.
    Hier der Link … >
  • Andreas Frei hat sich intensiv mit der Struktur des Labyrinths beschäftigt und bis jetzt 74 verschiedene historische Labyrinthtypen katalogisiert. Auf seiner Website finden Sie viele weitere Informationen und Grundlegendes zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Labyrinthtypen.
    Hier der Link … >

„Irrwege, Labyrinthische Variationen“ nennt sich eine Ausstellung im Centre Pompidou-Metz, die ich am 6.1.2012 zusammen mit mehr oder weniger labyrinthbegeisterten, aber lieben Menschen, besuchen will.

Alles ist natürlich in Französisch und der offizielle Titel lautet: Erre, variations labyrinthiques.

Ein kurzer Auszug aus der Beschreibung der Veranstalter (die gibt es neben Französisch und Englisch auch auf Deutsch):

Ausgehend vom Motiv des Labyrinths, kreist diese Gruppenausstellung um das Thema des Umherirrens, des Verlusts und des ziellosen Umherschweifens sowie deren Darstellungsformen in der zeitgenössischen Kunst.

Die universelle, archaische Form des Labyrinths wird hier begriffen als Metapher für die sich über Um-, Ab- und Irrwege vollziehende Annäherung an ein Ziel.

Das klingt zwar verdächtig nach viel Irrgarten und wenig Labyrinth, mehr nach Verwirrung als nach Orientierung; ich lasse mich jedoch gern überraschen.

Die Ausstellung läuft seit 12.9.2011 und dauert noch bis 5.3.2012.

Wer sich genauer informieren will oder gar hinmöchte, findet hier den Link zur deutschen Beschreibung der Ausstellung auf der Website des Centre Pompidou-Metz.

Hier ein Link zu einem Trailer:

Erre, variations labyrinthiques du 12/09/2011 au … 

Hier noch einer (etwas länger und in Französisch):

« Erre, variation labyrinthique » au centre …

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