Wandern durch den Transilvanischen Zeidner Wunderkreis in Dinkelsbühl zu den Klängen des Kipfelmarsches, Teil 1

Beim 22. Zeidner Nachbarschaftstreffen in Dinkelsbühl konnte ich bei der Anlage des temporären Wunderkreises am 6.6.2015 dabei sein.

Die Siebenbürger Sachsen im heutigen Deutschland kommen aus Transilvanien (heute Rumänien) und sind in besonderer Weise mit Dinkelsbühl verbunden durch den Verband der Siebenbürger Sachsen.

Es ist erstaunlich, wie sich über so lange Jahre diese Tradition des Marsches durch den Wunderkreis zu den Klängen des ebenfalls historischen Kipfelmarsches erhalten hat.
Mehr dazu erfahren Sie in den Weiterführenden Links unten auf dieser Seite.

Als gelernter Geometer und „Labyrinthologe“ interessierte mich natürlich am meisten, wie das Wissen um die „Herstellung“ des Wunderkreises über Generationen weitergegeben wurde. Ich konnte die Planskizze anschauen, und insbesondere auch die Umsetzung direkt vor Ort miterleben.

Zeidner Wunderkreis

Zeidner Wunderkreis, rekonstruiert aus einer Nachlaßskizze von Thomas Dück

Hier die Handskizze von Rainer Lehni für den „Außendienst“:

Handskizze von Rainer Lehni

Handskizze von Rainer Lehni

Die sieht zunächst unspektakulär aus mit der Zeichnung der Linien, einigen Ziffern und den wenigen Maßangaben.  Die Linien zeigen den Weg im Labyrinth, den so genanntem Ariadnefaden, dem alle folgen. Die Linien stellen also nicht die Begrenzungslinien dar, wie bei vielen Labyrinthen üblich.

Die innere Struktur eines Labyrinthes ist eine wichtige Eigenschaft, die auch in der so genannten Wegfolge sichtbar wird. Wir haben es hier mit der Doppelspirale und dem Mäander zu tun, basierend auf einem Dreieck.
Eine Besonderheit sind auch die zwei Zugänge zum Labyrinth, in den Zeichnungen als Start und Ende bezeichnet. In der Mitte wird lediglich die Richtung gewechselt, somit haben wir es mit einem Durchgangslabyrinth zu tun.

In den nächsten Fotos schauen wir den „Machern“ des Wunderkreises bei der Arbeit zu.
Klicken auf ein Bild öffnet das Karussell, klicken auf das × oben links im Karussell, oder der „Esc“-Taste auf Ihrer Tastatur, schließt es.

Die nachfolgende Konstruktionszeichnung zeigt, wie ich das als gelernter Vermesser in einer Zeichnung umsetze.

Die Zeidner wählten als Grundmaß 60 cm, das ist der Abstand von Linie zu Linie, quasi die Wegbreite. Daraus ergeben sich alle übrigen Maße. Der kleinste Halbkreis hat einen Radius von 30 cm; in Abständen von jeweils 60 cm folgen die übrigen Elemente. Der größte Durchmesser (quasi der Bauchumfang) im äußersten Umgang (in der Zeichnung mit 1 bezeichnet) beläuft sich auf 13.80 m. Der ganze Weg durch den Wunderkreis beträgt etwa 236 m.

Der Wirkungsgrad (Umwegfaktor) liegt bei 37 oder sogar 40, wenn man am Ende beginnt.

Das ganze Labyrinth besteht aus knickfrei aneinander gefügten Bogenstücken, die von vier Mittelpunkten (M1 – M4) aus bestimmt werden. Die Reihenfolge beim Abstecken der Bogenstücke könnte beliebig sein. Sinnvoller ist es jedoch, mit den oberen Halbkreisen um M4 (grün) zu beginnen. Danach folgen die Bögen um M3 (braun) und zum Schluss die um M2 und M1.

Die Hauptkonstruktionspunkte (M1 – M3) bilden ein Dreieck. M4 wird seitlich angehängt. Diese Punkte sollte man vor dem Anzeichnen der Bogenelemente abstecken. Dadurch gewinnt man einen besseren Überblick über die Lage des Wunderkreises vor Ort.
Die „Grundlinie“ zwischen M1 und M2 könnte auch etwas enger sein.

Beim Gang durch den Wunderkreis werden zuerst die fünf äußeren Umgänge (1 – 5) durchwandert. Diese entsprechen einem einfachen Labyrinth. Die nachfolgenden sieben Umgänge (6 – 12), die von immer enger werdenden spiralförmigen Bogenstücken gebildet werden, entsprechen einer Doppelspirale mit der Umkehr der Bewegungsrichtung in der Mitte in einem Mäander.

Das Betreten des Labyrinth erfolgt in den 5. Umgang nach rechts, das Verlassen geschieht im 7. Umgang.

Am Ausgang des Wunderkreises wird jeder mit einem Kipfel belohnt, ein weltweit einmaliger Brauch.

Konstruktionszeichnung

Konstruktionszeichnung

Die nachfolgenden Fotos zeigen die Hauptkonstruktionslinien in Blau, die Lage der Mittelpunkte in Rot und die Nummerierung der Umgänge von außen nach innen von 1 bis 12. Damit können wir die so genannte Wegfolge ableiten, also die Reihenfolge, in der die Umgänge durchschritten werden: Start-5-2-3-4-1-6-8-10-12-11-9-7-Ende. Das ist so etwas wie die innere Struktur des Wunderkreises, quasi der Rhythmus.

Die Linien auf dem Pflaster von Dinkelsbühl

Die Linien auf dem Pflaster von Dinkelsbühl

Die Konstruktionslinien (blau) und die Mittelpunkte (rot)

Die Konstruktionslinien (blau) und die Mittelpunkte (rot)

Die Nummerierung der Linien (von außen nach innen)

Die Nummerierung der Linien (von außen nach innen)

Fertig für den Marsch

Fertig für den Marsch

So, und nun geht es endlich los. Die nachfolgenden Fotos zeigen den auf den ersten Blick vielleicht verwirrenden Marsch durch den Wunderkreis.

Kleiner Tipp: Folgen Sie dem roten Punkt in den Bildern 1 – 16 auf dem Weg durch den Wunderkreis, dann finden Sie die Anführerin.

Klicken auf ein Bild öffnet das Karussell, klicken auf das × oben links im Karussell, oder der „Esc“-Taste auf Ihrer Tastatur, schließt es.

In der Geschichte des Labyrinthes verkörpern die Wunderkreise, die übrigens auch im Englischen so genannt werden, eine einzigartige Form des Labyrinthes, die es wohl nur in Deutschland und den baltischen Ländern gab und noch gibt.

Etliche Wunderkreise kennen wir aus der Literatur.
Zu den vier als historisch anerkannten Labyrinthen in Deutschland zählt das Rad in der Eilenriede in Hannover (ursprünglich von 1642) und der nach historischen Unterlagen 2002 wieder angelegte Wunderkreis im Jordanpark von Kaufbeuren (ursprünglich von 1846).

Der erste Wunderkreis in Eberswalde von 1609 wurde 2009 zum 400-jährigen Jubiläum mit einem Treuetaler geehrt und der dritte Wunderkreis 2013 nach historischen Unterlagen auf dem Hausberg neu errichtet.

Obwohl der Zeidner original Wunderkreis im jetzigen Codlea (heute Rumänien) noch existiert, ware es schön, wenn die Zeidner Siebenbürger Sachsen ihre Tradition auch im heutigen Deutschland in einem dauerhaften Wunderkreis pflegen könnten.

Das wäre ein großartiger Beitrag zur Kulturgeschichte des Labyrinths mit diesem einzigartigen Zeidner Wunderkreis und seinen besonderen Merkmalen.

… Fortsetzung folgt

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Der Zeidner Wunderkreis

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10 Gedanken zu „Wandern durch den Transilvanischen Zeidner Wunderkreis in Dinkelsbühl zu den Klängen des Kipfelmarsches, Teil 1

  1. Der Zeidner Wunderkreis sieht wirklich komplex aus. Ich bin Fan von solchen Labyrinthen und ein guter Freund von mir ist ebenfalls Geometer, weshalb ich nachvollziehen kann mit welcher Begeisterung sie die Anlage dieses Labyrinths verfolgt haben. Ich werde, falls ich demnächst in dieser Gegend unterwegs sein werde, mir das mal anschauen, vielen Dank für die Anregungen!

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  7. Lieber Erwin
    Das ist eine echte Doppelspirale in einem doppelspiralartigen Mäander (dein Typ 6 Mäander). Die ganze Doppelspirale könnte auch als Zentrum eines Labyrinths bestehend aus dem doppelspiralartigen Mäander aufgefasst werden. Allerdings wird dann ja das letzte Wegstück aus der Doppelspirale heraus axial parallel zum Weg ins Labyrinth hinein wieder herausgeführt. Also kein Labyrinth im engeren Sinn, sondern nach meiner Auffassung eine labyrinthähnliche Figur oder ein Labyrinth im weiteren Sinn.

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    • Lieber Andreas,
      der Wunderkreis ist sicher kein Labyrinth im strengen Sinn, da der Weg nicht in einem Zentrum endet, sondern durch ein Zentrum hindurch führt. Trotzdem erfreut sich dieses Labyrinth im weiteren Sinn, wachsender Beliebtheit und kommt gerade im deutschsprachigen Raum in historischen Varianten vor, die von vielen Fachleuten zu den Labyrinthen gezählt warden.

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      • Ja, und es ist interessant, diese beiden doppelspiraligen Elemente in einer Figur zu sehen. Man sieht da auch gleich den Unterschied.

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  8. lieber erwin,
    wieder ein sehr beeindruckender bericht !
    ich bewundere deine perfekt präzise sprache zur konstruktion 🙂
    heute faszinierte mich „knickfrei aneinandergefügte bogenstücke“ !

    ja, ich denke, es ist wieder mal zeit, eine großangelegte reise
    von labyrinth zu labyrinth zu unternehmen.
    deine beiträge inspirieren und laden dazu ein !
    lg
    ilse

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