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Archive for the ‘Typologie’ Category

Ich habe schon ausführlich über die Babylonischen Labyrinthe geschrieben. Dazu verweise ich auf die Verwandten Artikel unten. Hier soll es nun um eine Zusammenstellung gehen.

Die meisten Informationen habe ich dem ausführlichen und ausgezeichneten Artikel von Richard Myers Shelton in Jeff Sawards Caerdroia 42 (März 2014) entnommen, auf den ich auch hier noch einmal hinweisen möchte.

Die Funde befinden sich in den verschiedensten Sammlungen und Museen weltweit. Ich verwende die Katalognummer, um die unterschiedlichen Tontafeln zu bezeichnen.

Die ältesten Exemplare in eckiger Form stammen aus der alt-babylonischen Zeit um 2000 – 1700 v. Chr. und befinden sich in der norwegischen Schøyen Collection.

Das rechteckige Babylonische Labyrinth MS 3194

Das rechteckige Babylonische Labyrinth MS 3194

Das quadratische Babylonische Labyrinth MS 4515

Das quadratische Babylonische Labyrinth MS 4515

Dann folgen die verschiedenen mehr runden Eingeweidelabyrinthe aus der mittel- bis neubabylonischen Zeit um 1500 – 500 v. Chr.. Sie sind zu finden im Vorderasiatischen Museum Berlin (VAN … und VAT … Nrn.), im Louvre (AO 6033), im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden (Leiden Labyrinth) oder stammen aus Tell Barri in Syrien (E 3384).

Die Tafeln mit mehreren Darstellungen habe ich von links oben nach rechts unten nummeriert und zeige die gut sichtbaren (21 Stück) in größeren Nachzeichnungen. Einige Darstellungen sind unleserlich oder zerstört. Insgesamt sind es 48 Abbildungen.

Dann gibt es noch 6 Einzelexemplare. Die folgen hier:

Eingeweidelabyrinthe

Eingeweidelabyrinthe

Hier nun die 21 größeren Nachzeichnungen der gut erkennbaren Exemplare:

Eingeweidelabyrinth auf VAT 984

Eingeweidelabyrinth auf VAT 984

Eingeweidelabyrinthe auf VAN 9447

Eingeweidelabyrinthe auf VAN 9447

Eingeweidelabyrinthe auf E 3384 recto

Eingeweidelabyrinthe auf E 3384 recto

Eingeweidelabyrinthe auf E 3384 verso

Eingeweidelabyrinthe auf E 3384 verso

Damit haben wir insgesamt 56 Babylonische Labyrinthe vor uns, von denen 29 eindeutig zu erkennen sind.

Allen 29 Exemplaren ist gemeinsam, dass sie einen eindeutigen Weg aufweisen, der komplett zurückzulegen ist. Es gibt also keinerlei Abzweigungen, Sackgassen oder tote Enden wie bei einem Irrgarten.

Ebenso haben alle 29 Exemplare eine unterschiedliche Linienführung und kein gemeinsames Muster.

Alle (bis auf VAT 9560_4) haben zwei Eingänge. Bei den eckigen Labyrinthen liegen sie ungefähr in der Mitte der gegenüberliegenden Seiten. Bei den übrigen, meist rundlichen Exemplaren liegen sie nebeneinander oder sind versetzt.

Das Leiden Labyrinth ist einfach eine Doppelspirale. Eine weitere Besonderheit ist das Eingeweidelabyrinth VAT 9560_4. Es hat nur einen Eingang und eine spiralförmige Mitte, ganz so wie wir es vom Indischen Labyrinth kennen. Es stellt also einwandfrei ein Labyrinth dar.

Das Mesopotamische Labyrinth könnte auch eine geschlossene Mitte (und deshalb nur einen Eingang) haben und die Schlingen verlaufen in einfachen Serpentinen.

Die übrigen 24 Exemplare haben alle eine viel kompliziertere Linienführung mit ineinander verschachtelten Schlaufen und Schlingen.

Die 27 unleserlichen Exemplare sind vermutlich ähnlich strukturiert. Und vielleicht existieren ja noch andere Tontafeln, die der Entdeckung harren?

Über die Bedeutung der eckigen Exemplare wissen wir so gut wie nichts, die übrigen 27 mehr runden Exemplare sind Eingeweidelabyrinthe.

Bei den Eingeweidelabyrinthen sind die Darmschlingen eines Opfertieres als Vorlage für die Deutung bei der Eingeweideschau dargestellt. Von daher ist auch zu verstehen, dass sie möglichst unterschiedlich aussehen sollten. Das erklärt ihre große Vielfalt. Und auch wiederum ihre Ähnlichkeit. Sie stellen eher einen eigenen Stil als einen eigenen Typ dar.

Die Babylonischen Labyrinthe stammen aus einem eigenen Zeitraum, aus einem anderen Kulturkreis und folgen einem anderen Paradigma als das übliche westliche Verständnis des Labyrinths. Sie sind vor allem Durchgangslabyrinthe. Doch auch in unserer Tradition kennen wir Durchgangslabyrinthe, so auch den Wunderkreis.

Ein Wunderkreis im Babylonischen Stil

Ein Wunderkreis im Babylonischen Stil: Das Logo des diesjährigen Treffens der Labyrinth Society (TLS), Entwurf und © Lisa Moriarty

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Was verstehe ich unter „Indisches Labyrinth“? Damit bezeichne ich zunächst ein einfaches 3- oder mehr-gängiges Labyrinth (um zwei Wendepunkte herum) mit einer Spirale in der Mitte. Diese kann beliebig groß sein. Es handelt sich also um ein zusammengesetztes Labyrinth.

Die Labyrinth Society (TLS) reiht es in „Andere Klassische Grundmuster“ ein, wobei als Untertypen „Chakra-Vyuha Labyrinth“ und „Baltisches Labyrinth“ aufgeführt sind.

Dieser Typ wird auch heutzutage noch verwendet, und sei es als Verzierung auf einer Geburtstagstorte, wie vor kurzem durch Lisa Gidlow Moriarty (USA):

Chakra Vyuha auf Torte

Chakra Vyuha auf Torte, © Lisa Moriarty

Ein solches Labyrinth kann aus einem Grundmuster erzeugt werden, das auf einem Dreieck beruht. Es wird auch Chakra Vyuha genannt. Doch auch andere Grundmuster gibt es (siehe Verwandte Artikel unten).

Und damit wird die Einordnung in eine gemeinsame Typologie schwierig, weil auch Zeit und Ort des Erscheinens ganz unterschiedlich sind.

Ich fange mit einem einfachen Labyrinth an. Es findet sich bei Hermann Kern und stammt aus dem 12. Jhdt.

Chakra Vyuha

Das Indische Labyrinth, Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe (1982), Abb. 602, S. 422

Gute 2000 Jahre älter ist das Eingeweidelabyrinth auf einem Tontäfelchen im Vorderasiatischen Museum Berlin mit der Nummer VAT 9560. Der Archäologe Ernst Friedrich Weidner (mehr darüber hier) zeigt es in einem Beitrag von 1917 als Abb. 4:

Das Babylonische Eingeweidelabyrinth

Das Babylonische Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Das sieht nicht so aus, als wäre es aus einem Grundmuster entstanden.

Eingeweidelabyrinth in drei Zügen

Eingeweidelabyrinth in drei Zügen

Es lässt sich jedoch in drei Zügen zeichnen. Ich beginne in der Mitte, zeichne die Spirale, mache auf der rechten Seite eine Schleife nach außen und schwinge in einem Bogen zur linken Seite (grüne Linie). Dann setze ich mich in die Schlaufe, umkurve die vorhergehende Linie und beende die Linie an der Unterseite der Spirale (blaue Linie). Die dritte Linie beginnt neben der vorhergehenden und schwingt nach links oben (gelbe Linie).

Genauso einfach lässt sich auch das Chakra Vyuha zeichnen:

Chakra Vyuha in zwei Zügen

Chakra Vyuha in zwei Zügen

Der eigentliche Weg im Labyrinth, der Ariadnefaden, muss in einem Zug gezeichnet werden.

Das kann von innen nach außen geschehen oder auch umgekehrt.


Im Artikel „Variationen des Wunderkreises“ (siehe Verwandte Artikel unten) hatte ich eine Methode beschrieben, um Durchgangslabyrinthe vom Typ Wunderkreis mit beliebig vielen Umgängen zu erzeugen.

Diese Methode, leicht abgewandelt, lässt sich auch verwenden, um die aus Spiralen mit beliebig vielen Umdrehungen zusammengesetzten einfachen Labyrinthe mit drei und mehr Umgängen zu erzeugen.

Noch einmal kurz die Prinzipien:

Ich beginne in der Mitte und zeichne eine Spirale mit mindestens einer, jedoch auch mehr Umgängen. Die Begrenzungslinien sind hier in Grün, der Ariadnefaden in Braun dargestellt.

Darüber kommt die gewünschte Anzahl an labyrinthischen Umgängen, mindestens drei bis zu (unendlich) vielen. Jedoch immer eine ungerade Anzahl.

Dann kommen die Schlaufen von außen nach innen (in Gelb). Da ich bei den Begrenzungslinien jeweils auf beiden Seiten eine ungerade Anzahl an Linienenden haben muss, beginnt oder endet eine Linie an der Unterseite der Spirale.

Beim Zeichnen der Begrenzungslinien wird die zwischen den Schlaufen liegende mittlere freie Linie nach vorne verlängert (in Rot).

Beim Zeichnen des Ariadnefadens wird auf der Seite mit den ungeraden Linienenden die innerste Linie nach vorne verlängert (in Rot). Die dann noch übrigen freien Linienenden werden in Schlaufen verbunden (in Gelb).

Im letzten Beispiel drehe ich noch eine „Ehrenrunde“ (in Schwarz) um das Ganze. So kann ich mit der richtigen Anzahl an Umgängen die historisch belegte Windelburg von Stolp erzeugen.

Windelburg von Stolp

Windelburg von Stolp

Die Windelburg von Stolp hatte eine dreigängige Spirale und 15 labyrinthische Umgänge plus einem zusätzlichen Umgang außen herum.

Wie soll man nun die vorgestellten Beispiele richtig klassifizieren? Als Indianisches Labyrinth kann man sicher nicht alle bezeichnen. Die Windelburg gehört eher zu den Trojaburgen und wird auch zu den Baltischen Labyrinthen gezählt. Jedoch haben sie alle das gleiche Muster, gehören also zum gleichen Typ.

Um ein Labyrinth auch bauen zu können, muss man es in eine geometrisch korrekte Form bringen. Ich nehme hierfür die Windelburg, nehme etwas weniger Umgänge und erstelle dazu eine Konstruktionszeichnung.

Eine neue Windelburg

Eine neue Windelburg

Diese stelle ich als eine Art Prototyp mit 1 m-Achsmaß, zweifacher Spirale und 9 labyrinthischen Umgängen als PDF-Datei zum anschauen, drucken oder speichern zur Verfügung.

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In meinem letzten Beitrag hatte ich eine Methode vorgestellt, den Wunderkreis zu zeichnen. Dabei ging es immer um die Begrenzungslinien. Jedoch lässt sich auch der Pfad (Ariadnefaden) im Labyrinth mit dieser dann leicht abgeänderten Methode zeichnen.

Und natürlich lassen sich zahlreiche Varianten mit unterschiedlich vielen Umgängen für die Doppelspirale und die labyrinthischen Windungen erzeugen.

Eckiger Wunderkreis

Eckiger Wunderkreis

Hier noch einmal in Kurzfassung die Methode:

  • Ich beginne in der Mitte
  • Bogen nach oben von links nach rechts, Sprung nach links, Bogen nach unten
  • Pfad: Bogen nach unten, anschließend Bogen nach oben (geschlossene Linie, wie ein liegendes „S“)
  • Sprung nach links, Bogen nach oben um das Ganze
  • Beliebig oft wiederholen (rechts müssen immer zwei freie Enden sein, die nach unten zeigen)
  • Dann um das Ganze, von links beginnend, eine ungerade Anzahl an Bögen ziehen (mindestens 3, bis beliebig viele)
  • Pfad: Die beiden innersten Linien nach unten verlängern (evtl. verbinden)
  • Die übrigen, freien Linienenden auf jeder Seite jeweils in Schleifen verbinden
  • Bei den Begrenzungslinien: Die beiden Linien auf jeder Seite innerhalb der innersten Schleife verlängern

Sorry, das war jetzt doch etwas länger. Einfacher ist es vielleicht, den Text zusammen mit den Zeichnungen nachzuvollziehen.  Die unterschiedlichen Farben helfen dabei. Also, am besten selber probieren.

Die Labyrinthe werden gespiegelt, wenn man den Bogen am Anfang in die andere Richtung zeichnet.

Die Darstellung des Pfades erkennt man daran, dass es nur zwei, evtl. nur ein Linienende gibt (wie bei anderen Typen auch). Sieht man vier freie Linienenden, sind die Begrenzungslinien dargestellt. Die Linien schneiden sich jedoch beim Wunderkreis nicht, wie wir das vom klassischen Labyrinth kennen.

Als Beispiele für die vereinfachte Darstellung der jeweiligen Linienführungen habe ich bekannte Wunderkreise gewählt.
Im nachfolgenden Artikel sind sie alle zu finden. Ebenso noch einmal die Schritt- für Schritt-Anleitung.

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Der Wunderkreis und das baltische Rad sind zusammengesetzte Labyrinthe, die aus Bögen um unterschiedliche Mittelpunkte konstruiert werden. Die beiden unteren Wendepunkte sind für die „labyrinthischen“ Umgänge zuständig, die in der Mitte für die Doppelspirale.

Ein baltisches Rad hat eine größere, leere Mitte und einen kurzen zweiten Ausgang. Das ist schon eine Doppelspirale, jedoch ohne weitere Windungen. Die zwei Zugänge sind in der Regel durch ein eigenes Zwischenteil, eine Art Schuhlöffel, getrennt.

Das Muster für die Linienführung ist für beide Labyrinthtypen das gleiche. Und die Methode, ein solches Muster zu erzeugen, ebenso. Wobei die Anzahl der Umgänge insgesamt trotzdem unterschiedlich sein kann.

Hier geht es nur um die Methode. Die geometrisch korrekte Umsetzung ist wieder eine andere Sache. Darüber gibt es in diesem Blog schon etliche Beiträge.

Es gibt kein Grundmuster wie beim wohlbekannten kretischen (klassischen) Labyrinth. Jedoch eine im Grunde sehr einfache Methode, solch ein Labyrinth zu zeichnen oder gleich mit Steinen zu legen oder in den Sand zu kratzen.

Eine Schritt- für Schritt-Anleitung soll es zeigen. Es werden die Begrenzungslinien des Labyrinths gezeichnet, der Weg verläuft zwischen den Linien.

Schritt 1

Schritt 1

Schritt 1: Ich zeichne einen halben Bogen nach oben, von links nach rechts.

Schritt 2

Schritt 2

Schritt 2: Ich springe etwas nach links, mache einen Bogen nach links unten, umrunde den ersten Bogen und lande rechts vom vorhergehenden Bogen.
Das wäre schon die Mitte des baltischen Rades oder die Mitte des kleinstmöglichen Wunderkreises.

Schritt 3

Schritt 3

Schritt 3: Die Doppelspirale soll jedoch größer werden.  Daher springe ich wieder etwas nach links zum Ende des ersten Bogens in Grün, mache einen weiteren Bogen nach links unten und umrunde wieder den vorhergehenden Bogen.
So könnte ich jetzt beliebig weiter machen. Es müssen rechts aber immer zwei freie Bogenenden übrig bleiben. Damit wäre die Doppelspirale im Wunderkreis fertig.

Schritt 4

Schritt 4

Schritt 4: Nun muss ich mindestes drei halbkreisförmige Bögen um die bisherigen Linien herum hinzufügen.
Wenn ich ein größeres Labyrinth haben will, kann ich paarweise mehr Linien hinzufügen. Es muss aber immer eine ungerade Anzahl von Bögen sein.
In unserem Beispiel haben wir jetzt auf der linken Seite drei freie Linienenden und auf der rechten Seite fünf.

Schritt 5

Schritt 5

Schritt 5: Nun verbinde ich auf jeder Seite das jeweils innerste und das äußerste freie Linienende so miteinander, dass dazwischen ein Zugang bleibt. Das wird solange fortgesetzt (hier nur rechts), bis auf jeder Seite nur noch ein einzelnes freies Linienende übrig bleibt.

Schritt 6

Schritt 6

Schritt 6: Die beiden auf jeder Seite noch freien Linienenden werden nach vorne zur Mitte hin verlängert. Sie bilden die beiden unteren Wendepunkte.
Das Labyrinth ist fertig.

Am Schluss probieren wir, ob es auch wirklich stimmt. Wir gehen zwischen den Linien hinein, biegen nach links oder rechts ab und müssen wieder am Ausgangspunkt ankommen. Wenn nicht, muss etwas falsch sein.

Am besten probieren Sie das gleich selber aus, mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier. Viel Erfolg.

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Unter den Wunderkreisen gibt es einige Varianten:

  • Welche mit zwei Zugängen wie der Zeidner Wunderkreis
  • Welche mit nur einem Zugang, aber einer Verzweigung wie die russischen Babylone und die Wunderkreise von Eberswalde und Kaufbeuren
  • Welche mit einer nahezu perfekten Doppelspirale wie der Zeidner Wunderkreis
  • Welche mit „auseinandergezogener“ Doppelspirale wie die russischen Babylone, der Wunderkreis von Eberswalde, sowie schwedische und finnische Exemplare

Der Babylonische Wunderkreis

Wunderkreise sind zusammengesetzte Labyrinthe, die aus Bögen um unterschiedliche Mittelpunkte konstruiert sind. Die beiden unteren Wendepunkte sind für die „labyrinthtypischen“ Umgänge zuständig, die in der Mitte für die Doppelspirale.
Beim Zeidner Wunderkreises wird die Doppelspirale aus zwei nebeneinanderliegenden Mittelpunkten erzeugt und damit lässt sich der ganze Wunderkreis mit nur vier Mittelpunkten konstruieren.

Hier ein schwedisches Exemplar mit auseinandergezogener Doppelspirale aus dem Buch von Hermann Kern:

Felsritzung auf der Insel Skarv

Felsritzung auf der Insel Skarv, Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 584; Foto: Bo Stiernström, 1976

Eine geometrisch korrekte Konstruktion für einen Wunderkreis mit auseinandergezogener Doppelspirale erfordert mehr Mittelpunkte. So erhalte ich für die russischen Babylonen insgesamt sechs Mittelpunkte.

Als Beispiel soll eine Art Prototyp mit dem Achsmaß von 1 m dienen. Dadurch sind alle Werte skalierbar und unterschiedlich große Labyrinthe können konstruiert werden.

Konstruktionselemente

Konstruktionselemente

Am besten beginnt man mit der Festlegung von M1, bestimmt danach die Hauptrichtung der Mittelsenkrechten und konstruiert dann Schritt für Schritt die übrigen Mittelpunkte M2 bis M6 durch Schnittpunkt der Dreieckseiten von zwei bekannten Punkten aus. Alle dazu notwendigen Maße sind in der Zeichnung enthalten.

Die Hauptabmessungen

Die Hauptabmessungen

Die Radien beziehen sich jeweils auf die Mittelachse der Begrenzungslinien. Der Weg verläuft ja zwischen diesen Begrenzungslinien und ist daher der leere Raum zwischen diesen Linien.

Die verschiedenen Radien

Die verschiedenen Radien

Hier sind alle Komponenten zusammen in einer Zeichnung, die Sie in einer PDF-Datei anschauen, drucken oder kopieren können.

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Die Schreibweise mit den Koordinaten ist einheitlich, verständlich und funktioniert für ein- und mehrachsige alternierende und nicht-alternierende Labyrinthe. Aber man benötigt für ein Labyrinth mit 3 Umgängen mindestens 6 Segmente (für ein- und zweiachsige Labyrinthe: Anzahl Umgänge mal zwei, für die übrigen: Anzahl Umgänge mal Anzahl Achsen).

Dementsprechend werden die Segmentfolgen bei grösseren Labyrinthen rasch lang. Das Labyrinth vom Typ Chartres z.B. hat, wie die anderen Labyrinth Typen mit 4 Achsen und 11 Umgängen, 44 Segmente.

 

Die Segmentfolge des Labyrinths vom Typ Chartres gebe ich hier zur Illustration wieder.

 

 

 

Immerhin ist diese Segmentfolge eine gut verständliche Anweisung, wie das Labyrinth zu zeichnen ist. Sie liest sich etwa so: Gehe zuerst auf den fünften Umgang, schreite das erste Segment (5.1) ab, gehe dann auf den 6. Umgang und bleibe im ersten Segment (6.1). Gehe dann auf den 11. Umgang ins erste Segment (11.1) fahre auf dem gleichen Umgang ins 2. Segment fort (11.2), gehe auf den 10. Umgang im 2. Segment (10.2) usw. Das heisst auch, es wird aus den jeweils auf einander folgenden Koordinaten klar, ob zu wenden ist (wie von Koordinate 5.1 auf 6.1) oder ob die Achse zu queren ist (wie von 11.1 auf 11.2). Aber es ist schon eine lange unübersichtliche Reihe von Zahlen.

Nun gibt es noch verschiedene Möglichkeiten, für mehrachsige Labyrinthe weniger lange Notationen zu schreiben. Gedanklich muss man die Labyrinthe immer zuerst in Segmente unterteilen. Aber man kann in der Notation je nach Verlauf des Weges mehrere Segmente zusammenfassen. Ich gebe hierzu für das Labyrinth von Chartres als Beispiel eine Notation von Hébert° wieder.

 

 

Dies ist eine Notation ähnlich derjenigen im Beitrag „Umgänge und Segmente“ (siehe verwandte Beiträge), wo die Segmente nach Umgängen nummeriert waren. Dort wurde, wenn der Weg auf dem gleichen Umgang mehrere Segmente nacheinander durchläuft, die Nummer für den Umgang entsprechend oft wiederholt. Das ergibt dann für das Labyrinth von Chartres 44 Zahlen. In der Notation von Hébert wird die Anzahl der Zahlen auf 31 reduziert. Dafür muss nun aber vor jeder Zahl ein Vorzeichen stehen. Ein „-“ bedeutet, dass die Zahl nur einmal geschrieben wird, weil nur ein Segment durchlaufen wird. Ein „+“ hingegen bedeutet, dass die Zahl zweimal zu schreiben wäre, weil zwei Segmente hintereinander durchlaufen werden. Man muss sich also unterschiedliche Vorzeichen merken. Mit nur zwei verschiedenen Vorzeichen ist es dabei nicht getan. Zusätzliche Vorzeichen wären nötig, um anzugeben, dass drei oder vier oder mehr Segmente am Stück durchlaufen werden oder dass die Achse gequert und dabei auf einen anderen Umgang gewechselt wird. Diese Notation ist zwar kürzer, aber schwieriger anzuwenden. Ausserdem unterliegt sie der schon früher gezeigten Schwäche, dass man zwar sieht, auf welchem Umgang, nicht aber in welchem Segment man sich gerade befindet.

Es gibt noch andere Notationen. Auf die gehe hier nicht weiter ein. Es dürfte klar geworden sein, dass die Segmentfolgen bei mehrachsigen Labyrinthen rasch lange und unübersichtlich werden. Bei den meisten dieser Labyrinth Typen ist die Segmentfolge deshalb für eine Namensgebung schlecht geeignet. Man stelle sich nur einmal vor, das Labyrinth, das ich im Januar gezeigt habe (s. verwandte Beiträge), mit der Segmentfolge zu benennen. Dieses Labyrinth hat 12 Achsen und 23 Umgänge und somit 276 Segmente.

 

 

Ich verzichte darauf, diese Segmentfolge aufzuschreiben. Sie würde etwa 14 – 15 Zeilen füllen.

Fazit

Zum Schluss komme ich nochmals auf die Ausgangsfrage zurück, ob die Umgangsfolge zur Namensgebung für die verschiedenen Labyrinth Typen verwendet werden kann. Dagegen hatte ich zwei Bedenken:

  • Erstens ist die Umgangsfolge bei einachsigen Labyrinthen nicht eindeutig. Dieses Problem kann man leicht lösen durch Anfügen eines Vorzeichens „-“ nur bei den Nummern der Umgänge, wo der Weg die Achse quert. Somit kann für nicht zu grosse einachsige Labyrinth Typen die Umgangsfolge gut zur Namensgebung verwendet werden.
  • Zweitens nimmt die Folge bei mehrachsigen Labyrinthen rasch an Länge zu. Es hat sich herausgestellt, dass hier die Segmentfolge zu beachten ist. Diese wird schnell entweder zu lang oder zu kompliziert oder beides. Deshalb erachte ich sie nicht für geeignet zur Benennung von mehrachsigen Labyrinthen.

° Hébert J. A Mathematical Notation for Medieval Labyrinths. Caerdroia 2004; 34: 37-43.

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Die Babylone sind sicher mit den weitverbreiteten Trojaburgen im Norden Europas verwandt. Jedoch sehen sie etwas anders aus.
Direkt nach dem Eingang gibt es eine Verzweigung und somit die Möglichkeit in zwei Richtungen weiter zu gehen. Und dann kommt oft keine eigentliche Mitte, sondern in einer Doppelspirale geht es einfach wieder zurück.

Die Trojaburg von Visby (Insel Gotland, Schweden)

Die Trojaburg von Visby (Insel Gotland, Schweden), Quelle: Ernst Krause, Die Trojaburgen Nordeuropas, 1893, Fig. 1, S. 4

Doch wie könnten sie sich entwickelt haben?
In Fennoskandinavien haben sich zahlreiche Steinlabyrinthe bis auf den heutigen Tag erhalten. Besonders im östlichen Gebiet, von Finnland bis zur russischen Kolahalbinsel sind die Babylone zu finden. Oft liegen sie in Küstennähe und auf Inseln. Hier siedelten die Ureinwohner Nordeuropas, die Samen. Es ist möglich, dass die Babylone etwas mit der Samischen Mythologie zu tun haben.
Sie sind vermutlich ab dem 13. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein entstanden. Und sie wurden alle auf die gleiche Weise gebaut: Mit auf den Boden gelegten faust- bis kopfgroßen Steinen.

Doch warum sehen die Babylone ganz anders aus und folgen nicht dem wohlbekanntem Grundmuster aus Kreuz, Winkeln und den vier Punkten? Die meisten skandinavischen Trojaburgen haben elf Umgänge und sind nach dem erweitertem Grundmuster gelegt worden.

Das 11-gängige Kretische Labyrinth mit dem Grundmuster aus Kreuz, vier Winkeln und vier Punkten

Das 11-gängige Kretische (klassische) Labyrinth mit dem Grundmuster aus Kreuz, vier Doppel-Winkeln und vier Punkten, rechts in runder Form

Doch schon dabei gab es Abweichungen und Varianten. Das kann bei dieser Bauweise ganz leicht geschehen.
So gibt es bei manchen schwedischen Trojaburgen die Variante mit dem offenen Kreuz, die es ermöglicht in zwei Richtungen zur Mitte zu gehen. Und damit z.B. einen Wettlauf zu veranstalten. Darum heißen diese auch oft „Jungfrudans“ oder „Jungfruringen“.

9-gängiges Steinlabyrinth (Jungfruringen) bei Köpmanholm (Schweden)

9-gängiges Steinlabyrinth (Jungfruringen) bei Köpmanholm (Schweden), Quelle: © John Kraft, Die Göttin im Labyrinth (1997), Abb. 7, S. 26

Bei diesem Labyrinth wurde nur unten ein zusätzlicher Winkel eingefügt, dadurch ergeben sich 9 Umgänge.

Hier Schemazeichnungen für ein 11-gängiges Labyrinth:

Das 11-gängige Kretische Labyrinth, rechts mit offenem Kreuz

Das 11-gängige Kretische Labyrinth, rechts mit offenem Kreuz

Im Bericht von Budovskiy habe ich eine Grafik (von 1973?) von Prof Kuratov gefunden, der eine Einteilung von Labyrinthen vorgenommen hat und dabei wohl auch die Entstehung der Babylons nachvollziehen wollte (gestrichelte Linie in der Grafik).

Die Tafel von Prof. Kuratov

Die Tafel von Prof. Kuratov

In der ersten Spalte ist jeweils eine Art Prinzip zu sehen. Als erstes das ganze kretische Labyrinth. In der zweiten die linksdrehende Spirale, in der dritten Zeile die rechtsdrehende Spirale, dann die Doppelspirale und unten Kreise.
In Reihe Ia sehen wir den kretischen Typ in verschiedenen Varianten.
In Reihe Ib das offene Kreuz und eine kleiner werdende Mitte.
In Reihe II eine rechtsdrehende Spirale und das fehlerhafte Labyrinth, das Karl Ernst von Baer (1792 – 1876) im Jahr 1838 auf der Insel Wiehr entdeckt hat.
In Reihe III das Babylon mit der Doppelspirale.
In Reihe IV mehrarmige Labyrinthe, die an die mittelalterlichen Labyrinthe erinnern.

Das offene Kreuz gibt es einige Male unter den skandinavischen Labyrinthen. Die leere Mitte wird dabei manchmal kleiner und rutscht dann sogar unter die zwei oberen Wendepunkte hinunter, bis sie nur noch angedeutet wird und schließlich ganz weggelassen wird.

Die Zeichnung von John Kraft zeigt das:

Die Trojaburg von Nisseviken (Schweden)

Die Trojaburg von Nisseviken (Schweden), Quelle: Grafik © John Kraft in Gotländskt Arkiv 1983 im Beitrag Gotlands trojeborgar, S. 87

In einem Bericht über die Babylone auf WeirdRussia habe ich neben zahlreichen Fotos auch diese Grafik gefunden:

Steinsetzung auf der Bolschoi Sajazki Insel

Steinsetzung auf der Bolschoi Sajazki Insel

Die Mitte gibt es so gut wie gar nicht mehr. Es ist eher eine Nische oder eine Verbreiterung des Weges. In diesem Bereich sind manchmal auch kleine Steinhaufen aufgeschichtet. Sollen sie das Tor zur Unterwelt oder den Bauch der Schlange darstellen? Die Enden der Begrenzungslinien sind verdickt. Das ist leicht zu bewerkstelligen mit einigen Steinen mehr.
Das Labyrinth hat seine Bedeutung verändert, damit sein Aussehen und wurde zum Durchgangslabyrinth.

 

Als Schemazeichnung in geometrisch korrekter Form:

Babylon Solovki

Babylon Solovki

Vermutlich entsprechen die meisten Babylone dieser Art.

Auf diesem Foto kann man gut die Wegführung erkennen.

In der Tafel von Prof. Kuratov und bei Vinogradov findet sich die Grafik eines Babylons mit einer etwas „runderen“ Doppelspirale, die ich in meinem letzten Beitrag (siehe unten) schon einmal gezeigt habe.
Bei den finnischen Steinsetzungen gibt es offensichtlich einige, die eher so aussehen.

Grafik eines Babylons nach Vinogradov

Grafik eines Babylons nach Vinogradov

Nach den meisten Fotos sehen die Babylone nicht genau so aus. Der Eingang ist enger und hat ein kurzes gerades Stück.

Eigentlich muss man sie als Wunderkreise ansehen. Wenn sie auch nicht so eine perfekte Doppelspirale haben wie der Zeidner Wunderkreis. Die Wunderkreise von Kaufbeuren oder von Eberswalde entsprechen den Babylonen schon eher.

Wie könnte man diesen Typ nennen? Im letzten Beitrag hatte ich vorgeschlagen: Babylonischer Wunderkreis. Doch jetzt tendiere ich eher zu Samischer Wunderkreis, weil er sich im Kulturkreis der Samen entwickelt hat und da wahrscheinlich zu Ritualen im Totenkult verwendet wurde.

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