Typ oder Stil / 2

Labyrinth Typen bei Kern

Kern unterscheidet grundsätzlich zwischen dem kretischen Typ und allen anderen Labyrinth Typen. Für ihn ist der kretische Typ ein einachsiges, alternierendes Labyrinth mit sieben Umgängen und der exakten Umgangsfolge 3-2-1-4-7-6-5 (siehe Kern° Abb. 5, S. 35).

KretTyp

Umgangsfolge des Kretsichen Labyrinths bei Kern°, Abb. 5, S. 35

Labyrinthe mit dieser Wegführung, egal ob sie im oder gegen den Uhrzeigersinn drehen, einen klassischen, konzentrischen oder anderen Grundriss aufweisen, als Felsritzungen, Steinsetzungen oder Zeichnungen in Manuskripten, usw. vorkommen, bezeichnet er als vom kretischen Typ.

In allen anderen Labyrinthen sieht Kern Variationen oder Umdeutungen (Kern°, S. 23 und Tabelle S. 24, 25) des kretischen Typs. Das bezieht er nicht nur auf einachsige Labyrinthe mit anderer Umgangszahl oder Wegführung (wie z.B. Typ Jericho, Typ Otfrid), sondern auch auf alle mehrachsigen Labyrinthe (z.B. römische Mosaiklabyrinthe, Typ Chartres, Typ Reims etc.). Zusammenfassend findet man bei Kern folgende Labyrinth Typen (Kern, S. 144 – 147):

  • Kretisch; kretisch modifiziert; kretisch (Jericho); kretisch, modifiziert, 6 Umgänge (Jericho); kretisch, 6 Umgänge
  • Chartres; Chartres modifiziert; Chartres (Jericho); Chartres, modifiziert 6 Umgänge
  • Otfrid
  • Reims

Er unterscheidet also reine von modifizierten Labyrinth Typen.

Kern’s Anspruch war nicht, eine Typologie zu schaffen. Aber wenn er von einem Typen spricht, meint er damit eine ganz bestimmte Wegführung. Dies gilt für seine reinen Typen. Alle Labyrinthe, die Kern z.B. in den Abbildungslegenden als vom kretischen Typ identifiziert, haben die gleiche Wegführung. Das Gleiche gilt auch für die Labyrinthe vom Typ Chartres. Bei seinen modifizierten Typen bleibt es jedoch unklar.

Es ist faszinierend zu lesen, wie Kern in den ersten Kapiteln seines Buches den verschiedenen Spuren einer möglichen Entstehung des Labyrinths nachforscht. Wie er versucht, eine erste historisch belegte Erscheinung des Labyrinths zu fixieren. Er findet sie nicht in dem von Plutarch überlieferten „Kretischen Labyrinth“, das nicht als Bauwerk existiert hat (Kap. II). Auch nicht in den Bauten, die bereits in der Antike als Labyrinth bezeichnet worden sind (Kap. III: das Ägyptische Labyrinth, das Labyrinth auf Lemnos / Samos, das Italienische Labyrinth, Didyma, das Labyrinth von Nauplia). Kern stellt jedoch fest, dass im Fundament der Tholos von Epidauros das einzige Bauwerk der Antike vorliegt, das mit Recht als Labyrinth bezeichnet werden darf.

Weitere Spuren findet Kern in Tänzen (Kap. II). Er muss aber offen lassen, ob diese überhaupt in irgend einer Labyrinthform oder gar in der bestimmten Form des Kretischen Labyrinth-Typs getanzt worden sind.

Aber warum nur gibt Kern seinem Grundtyp den Namen „Kretisches Labyrinth“?

Er nennt diesen Labyrinth Typ aufgrund seines vermuteten Ursprungs (S. 15) „kretisch“. Dies, obwohl diese Vermutung in klarem Widerspruch zu den Ergebnissen seiner eigenen gründlichen Untersuchung der historischen Belege steht. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass dies der erste Labyrinth Typ war, der historisch einwandfrei feststellbar ist. Er darf somit zu Recht als Grundlabyrinth angesehen werden. Die ersten sicheren Belege für diesen Labyrinth-Typ sind aber nicht kretisch, sondern von Pylos (Griechenland) oder Galicien (Spanien).

Kern hat also den ursprünglichen Labyrinth Typ richtig identifiziert, ihm aber einen Namen gegeben, der seinen eigenen Forschungsergebnissen widerspricht. Für mich hat er damit ein grosses Rätsel hinterlassen.

Verwandte Beiträge:

°Kern, Hermann. Labyrinthe – Erscheinungsformen und Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München: Prestel, 2. Aufl. 1983.

11 Gedanken zu „Typ oder Stil / 2

  1. Lieber Andreas, ich würde gern den Begriff Minoisches Labyrinth ins Spiel bringen. Den weitgehend verwendeten Begriff klassisches Labyrinth statt kretisches Labyrinth finde ich vor allem im deutschen nicht so gut, obwohl ich das selbst verwende. Könnten wir Minoisches Labyrinth stattdessen propagieren?

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    • Lieber Erwin
      Ich verstehe nicht, warum du diesen Typ „Minoisch“ nennen willst. Dafür gibt es ebensowenig einen Grund wie für „Kretisch“. Da finde ich „Klassisch“ immer noch besser.

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      • Lieber Andreas, wenn du das so siehst , dann nehme ich das zurück. Ich dachte, der Ursprung des Labyrinths läge in der Zeit der Minoischen Hochkultur?

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      • Lieber Erwin,
        Ich habe schon Verständnis für dein Anliegen. Das früheste sicher datierte Exemplar dieses Typs stammt aus dem Palast des Nestor von Pylos aus mykenischer Zeit. Wenn wir das als Referenz wählen, könnte man diesen Typ als „Mykenisch“ bezeichnen. „Kretisch“ nach dem Ort des Ursprungs ist sicher falsch. „Klassisch“ ist als zeitliche Einordnung auch falsch, die klassische griechische Zeit ist später. Aber „klassisch“ mehr allgemein auf Labyrinthe bezogen halte ich für besser als „Kretisch“.

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  5. Lieber Erwin
    Ja, das ist der wichtigste Grund, warum ich die strenge Definition verwende. Sie ist klar, erlaubt eine Fokussierung ermöglicht mir eine bessere Übersicht und ein tieferes Verständnis.

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  6. Gut, Andreas, dass du das so gründlich aufarbeitest.
    Es folgen ja sicher noch weitere „Ordnungsversuche“?
    Auf die bin ich gespannt.
    Eine Bemerkung möchte ich zum Begriff „Grundlabyrinth“ machen: Viele halten ja diesen Typ Labyrinth für den einzigen wahren, richtigen und ersten Typ und nennen es sogar Urlabyrinth. Das sehe ich nicht so. Da gab es historisch gesehen und sogar belegbar, andere Vorstellungen, wie ich bei meiner Beschäftigung mit den so genannten Babylonischen Labyrinthen feststellen konnte.

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    • Lieber Erwin
      Ich verfolge deine Arbeiten zu den Babylonischen Labyrinthen mit grossem Interesse. Ich habe mich aber noch nicht aktiv eingeschaltet, vor allem, weil ich dieses Feld gerne Dir überlasse und den Kopf voll habe mit meinem gerade aktuellen Thema. Wie gesagt, beschäftige ich mich hier, jedenfalls vorerst, nur mit dem „Labyrinth im engeren Sinn“, also dem Labyrinth nach der restriktiven, strengen Definition, wie sie auch Kern handhabt. Und unter diesen Voraussetzungen kann man ohne Zweifel den sog. Kretischen Typ als den Grundtyp bezeichnen.
      Ja ich gebe sogar zu bedenken, dass man dies auch kann, wenn man labyrinthähnliche Figuren wie das Babylonische Labyrinth einbezieht, die sogar älteren Datums sein können. Aber der – missverständlich – kretisch genannte Labyrinth Typ ist alleine von der Häufigkeit des Vorkommens und der grossen zeitlichen und geografischen Verbreitung eine Art Grundtyp. Damit will ich nicht behaupten, dass er das früheste oder gar das einzig wahre Labyrinth ist.

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      • Lieber Andreas,
        mit der Bezeichnung „Grundtyp“ bin ich ja einverstanden, nur nicht mit der Bezeichnung „Urlabyrinth“. Die Häufigkeit des Vorkommens und die geografische Verbreitung kommt wohl vor allem von der „Entdeckung“ und Einfachheit der Konstruktion aus dem Grundmuster für die Begrenzungslinien mit dem zentralen Kreuz, den Winkeln, den Punkten und der Art wie sie verbunden werden. Jeff Saward vermeidet den Begriff Urlabyrinth und kretisches Labyrinth und verwendet lieber den Begriff „klassisches Labyrinth“. Das ist aber in der deutschen Übersetzung nicht so glücklich.
        Die strenge, restriktive Definition hat sicher den Vorteil, dass das Ganze dann nicht ausufert. Nur kann ich feststellen, (z.B. in den Labyrinth Gruppen bei Facebook und der TLS), dass da manche schon weit über den Begriff des Labyrinths im engeren Sinn hinaus sind.

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