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Archive for the ‘Geschichte’ Category

Die Babylone sind sicher mit den weitverbreiteten Trojaburgen im Norden Europas verwandt. Jedoch sehen sie etwas anders aus.
Direkt nach dem Eingang gibt es eine Verzweigung und somit die Möglichkeit in zwei Richtungen weiter zu gehen. Und dann kommt oft keine eigentliche Mitte, sondern in einer Doppelspirale geht es einfach wieder zurück.

Die Trojaburg von Visby (Insel Gotland, Schweden)

Die Trojaburg von Visby (Insel Gotland, Schweden), Quelle: Ernst Krause, Die Trojaburgen Nordeuropas, 1893, Fig. 1, S. 4

Doch wie könnten sie sich entwickelt haben?
In Fennoskandinavien haben sich zahlreiche Steinlabyrinthe bis auf den heutigen Tag erhalten. Besonders im östlichen Gebiet, von Finnland bis zur russischen Kolahalbinsel sind die Babylone zu finden. Oft liegen sie in Küstennähe und auf Inseln. Hier siedelten die Ureinwohner Nordeuropas, die Samen. Es ist möglich, dass die Babylone etwas mit der Samischen Mythologie zu tun haben.
Sie sind vermutlich ab dem 13. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein entstanden. Und sie wurden alle auf die gleiche Weise gebaut: Mit auf den Boden gelegten faust- bis kopfgroßen Steinen.

Doch warum sehen die Babylone ganz anders aus und folgen nicht dem wohlbekanntem Grundmuster aus Kreuz, Winkeln und den vier Punkten? Die meisten skandinavischen Trojaburgen haben elf Umgänge und sind nach dem erweitertem Grundmuster gelegt worden.

Das 11-gängige Kretische Labyrinth mit dem Grundmuster aus Kreuz, vier Winkeln und vier Punkten

Das 11-gängige Kretische (klassische) Labyrinth mit dem Grundmuster aus Kreuz, vier Doppel-Winkeln und vier Punkten, rechts in runder Form

Doch schon dabei gab es Abweichungen und Varianten. Das kann bei dieser Bauweise ganz leicht geschehen.
So gibt es bei manchen schwedischen Trojaburgen die Variante mit dem offenen Kreuz, die es ermöglicht in zwei Richtungen zur Mitte zu gehen. Und damit z.B. einen Wettlauf zu veranstalten. Darum heißen diese auch oft „Jungfrudans“ oder „Jungfruringen“.

9-gängiges Steinlabyrinth (Jungfruringen) bei Köpmanholm (Schweden)

9-gängiges Steinlabyrinth (Jungfruringen) bei Köpmanholm (Schweden), Quelle: © John Kraft, Die Göttin im Labyrinth (1997), Abb. 7, S. 26

Bei diesem Labyrinth wurde nur unten ein zusätzlicher Winkel eingefügt, dadurch ergeben sich 9 Umgänge.

Hier Schemazeichnungen für ein 11-gängiges Labyrinth:

Das 11-gängige Kretische Labyrinth, rechts mit offenem Kreuz

Das 11-gängige Kretische Labyrinth, rechts mit offenem Kreuz

Im Bericht von Budovskiy habe ich eine Grafik (von 1973?) von Prof Kuratov gefunden, der eine Einteilung von Labyrinthen vorgenommen hat und dabei wohl auch die Entstehung der Babylons nachvollziehen wollte (gestrichelte Linie in der Grafik).

Die Tafel von Prof. Kuratov

Die Tafel von Prof. Kuratov

In der ersten Spalte ist jeweils eine Art Prinzip zu sehen. Als erstes das ganze kretische Labyrinth. In der zweiten die linksdrehende Spirale, in der dritten Zeile die rechtsdrehende Spirale, dann die Doppelspirale und unten Kreise.
In Reihe Ia sehen wir den kretischen Typ in verschiedenen Varianten.
In Reihe Ib das offene Kreuz und eine kleiner werdende Mitte.
In Reihe II eine rechtsdrehende Spirale und das fehlerhafte Labyrinth, das Karl Ernst von Baer (1792 – 1876) im Jahr 1838 auf der Insel Wiehr entdeckt hat.
In Reihe III das Babylon mit der Doppelspirale.
In Reihe IV mehrarmige Labyrinthe, die an die mittelalterlichen Labyrinthe erinnern.

Das offene Kreuz gibt es einige Male unter den skandinavischen Labyrinthen. Die leere Mitte wird dabei manchmal kleiner und rutscht dann sogar unter die zwei oberen Wendepunkte hinunter, bis sie nur noch angedeutet wird und schließlich ganz weggelassen wird.

Die Zeichnung von John Kraft zeigt das:

Die Trojaburg von Nisseviken (Schweden)

Die Trojaburg von Nisseviken (Schweden), Quelle: Grafik © John Kraft in Gotländskt Arkiv 1983 im Beitrag Gotlands trojeborgar, S. 87

In einem Bericht über die Babylone auf WeirdRussia habe ich neben zahlreichen Fotos auch diese Grafik gefunden:

Steinsetzung auf der Bolschoi Sajazki Insel

Steinsetzung auf der Bolschoi Sajazki Insel

Die Mitte gibt es so gut wie gar nicht mehr. Es ist eher eine Nische oder eine Verbreiterung des Weges. In diesem Bereich sind manchmal auch kleine Steinhaufen aufgeschichtet. Sollen sie das Tor zur Unterwelt oder den Bauch der Schlange darstellen? Die Enden der Begrenzungslinien sind verdickt. Das ist leicht zu bewerkstelligen mit einigen Steinen mehr.
Das Labyrinth hat seine Bedeutung verändert, damit sein Aussehen und wurde zum Durchgangslabyrinth.

 

Als Schemazeichnung in geometrisch korrekter Form:

Babylon Solovki

Babylon Solovki

Vermutlich entsprechen die meisten Babylone dieser Art.

Auf diesem Foto kann man gut die Wegführung erkennen.

In der Tafel von Prof. Kuratov und bei Vinogradov findet sich die Grafik eines Babylons mit einer etwas „runderen“ Doppelspirale, die ich in meinem letzten Beitrag (siehe unten) schon einmal gezeigt habe.
Bei den finnischen Steinsetzungen gibt es offensichtlich einige, die eher so aussehen.

Grafik eines Babylons nach Vinogradov

Grafik eines Babylons nach Vinogradov

Nach den meisten Fotos sehen die Babylone nicht genau so aus. Der Eingang ist enger und hat ein kurzes gerades Stück.

Eigentlich muss man sie als Wunderkreise ansehen. Wenn sie auch nicht so eine perfekte Doppelspirale haben wie der Zeidner Wunderkreis. Die Wunderkreise von Kaufbeuren oder von Eberswalde entsprechen den Babylonen schon eher.

Wie könnte man diesen Typ nennen? Im letzten Beitrag hatte ich vorgeschlagen: Babylonischer Wunderkreis. Doch jetzt tendiere ich eher zu Samischer Wunderkreis, weil er sich im Kulturkreis der Samen entwickelt hat und da wahrscheinlich zu Ritualen im Totenkult verwendet wurde.

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Weiterführende Links

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Ein sehr schönes Labyrinth Exemplar (Abb. 1) mit der Bezeichnung Cakra-vyuh findet sich bei Kern° (Abb. 626, S. 433).

Andere 5

Abbildung 1: Cakra-Vyuh Labyrinth aus einem indischen Ritualbuch

Die Abbildung stammt aus einem zeitgenössischen indischen Ritualbuch. Darin wird ein auch heute noch praktizierter Brauch unbekannten Alters beschrieben, bei dem die Labyrinth Vorstellung zur magischen Erleichterung der Geburt eingesetzt wird. Für Kern ist es ein modifizierter Kretischer Typ. Ich ordne es einem eigenen Typen zu und nenne diesen Typ nach der Bezeichnung von Kern Cakra-Vyuh (siehe Verwandte Beiträge: Typ oder Stil / 14).

Das Seed Pattern ist klar erkennbar. Man kann sich gut vorstellen, dass das Labyrinth vom Seed Pattern aus konstruiert ist. Trotzdem zögere ich, es dem Klassischen Stil zuzuordnen. Dazu weicht die kalligrafisch anmutende Ausführung zu stark vom Klassischen Stil ab. Die Begrenzungsmauern liegen mit dem grössten Teil ihres Umfangs, zu etwa 3/4, auf einer konzentrischen Kreisschar. Es hat somit auch Elemente des konzentrischen Stils. Ja, mit seinen knickfrei aneinandergefügten Bogenstücken, wo die Begrenzungsmauern von der Kreisschar abweichen und ins Seed Pattern münden, erinnert es sogar ein wenig an den Knidos Stil.

Ich habe dieses Labyrinth deshalb bei keinem bekannten Stil, sondern bei anderen Labyrinthen eingeordnet (Typ oder Stil / 9). Aber ich hatte diesen Labyrinth Typ auch schon im Man-in-the-Maze Stil gezeichnet (Wie zeichne ich ein Man-in-the-Maze Labyrinth / 5).

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Abbildung 2: Aufbau des Seed Pattern

Abb. 2 zeigt, wie das Seed Pattern aufgebaut ist. Man beginnt mit einem zentralen Kreuz. Dann fügt man an die Kreuz Arme Halbbögen an (2. Figur). Als nächstes fügt man in die verbleibenden Zwischenräume vier weitere Halbbögen ein. Das Seed Pattern enthält nun 8 Halbbögen (3. Figur). Zum Schluss wird in jeden Halbbogen ein Punkt gesetzt. Wir haben nun ein Seed Pattern mit 24 Enden, die alle auf einem Kreis liegen.

Am Muster zeigt sich deutlich, dass das Labyrinth eine eigene Wegführung hat. Deshalb ist es für mich ein eigenständiger Typ.

Typ Cakra Vyuh

Abbildung 3: Muster

Ferner ist es ein selbstduales, aber, nach Tony Phillips, uninteressantes Labyrinth (Un- / interessante Labyrinthe). Denn es besteht aus einem sehr interessanten 9-gängigen Labyrinth, mit aussen und innen je einem zusätzlichen, trivialen Umgang.

Verwandte Beiträge:

°Kern, Hermann. Labyrinthe – Erscheinungsformen und Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München: Prestel, 2. Aufl. 1983.

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Oder andersherum gefragt: Wie mache ich einen Wunderkreis aus einem  Babylonischen Eingeweidelabyrinth?

Das ist möglich, zumindest beim Babylonischen Umma Labyrinth.

Das Wesentliche bei einem Labyrinth ist ja die Wegführung, ausgedrückt durch die Wegfolge, und nicht die äußere Form. Oder das Muster, wie Andreas das nennt.

Das Babylonische Umma Labyrinth

Das Babylonische Umma Labyrinth

Das Umma Labyrinth hat zwei Wendepunkte, um die jeweils zwei Umgänge führen und in der Mitte einen Mäander. Die Zugänge liegen außen. Es gibt nur einen einzigen und eindeutigen Weg.

Der Wunderkreis hat eine Doppelspirale im Zentrum und zwei weitere Wendepunkte mit beliebig vielen Umgängen. Eine Seite hat dabei einen Umgang mehr als die andere. Die Zugänge befinden sich im Mittelteil.

Ein großer Wunderkreis

Ein großer Wunderkreis

Zum Aufzeigen der einzelnen Entwicklungsschritte forme ich zuerst einen „voll entwickelten“ Wunderkreis in die kleinstmögliche Version um.

Die sieht so aus: Ein Mäander in der Mitte und zwei weitere Wendepunkte mit insgesamt drei Umgängen wie im Knossos Labyrinth.

Der kleinste Wunderkreis

Der kleinste Wunderkreis

Um diesen kleinen Wunderkreis mit dem Umma Labyrinth vergleichen zu können, lege ich nun alle Mittelpunkte (gleichzeitig die Endpunkte der Begrenzungslinien oder die Wendepunkte) auf eine Gerade. So als würde ich das Dreieck zusammenklappen, das durch die Wendepunkte gebildet wird.

Der gestauchte Wunderkreis

Der gestauchte Wunderkreis

Die beiden Zugänge sind hier im Mittelteil, im Umma Labyrinth liegen sie außen und nebeneinander. Zudem gibt es links noch einen Umgang mehr. Den füge ich jetzt hier hinzu und lege den Zugang dadurch auch nach rechts außen.

Ein Umgang mehr

Ein Umgang mehr

Jetzt verlege ich den zweiten Zugang nach links. Dadurch liegen die beiden Zugänge jedoch gegenüber und zeigen in verschiedene Richtungen.

Die beiden Zugänge außen

Die beiden Zugänge außen

Nun drehe ich den rechten Zugang ganz nach links außen neben den linken Zugang. Da ich alles geometrisch exakt konstruiere, erhalte ich zwei leeren Bereiche zwischen den äußeren Umgängen.

Die Zugänge nebeneinander

Die Zugänge nebeneinander

Jetzt verlängere ich die beiden Zugangswege um eine Vierteldrehung nach oben und drehe das Ganze ein Stück nach rechts. So erhalte ich das fertige Umma Labyrinth.

Das Babylonische Umma Labyrinth

Das Babylonische Umma Labyrinth

Um den umgekehrten Weg zu gehen, also den Wunderkreis aus dem Umma Labyrinth zu entwickeln, muss ich einige Windungen weglassen, das Ganze drehen und am Schluss den Mittelteil anheben.

Die ergänzten Bereiche

Die ergänzten Bereiche

Die in den vorangegangenen Schritten gemachten Ergänzungen sind farblich hervorgehoben. Der „gestauchte“ Wunderkreis weiter oben ist gut zu erkennen. Im Kern des Eingeweidelabyrinths ist also der Wunderkreis enthalten.

Sicherlich ist der Wunderkreis wie wir ihn kennen, nicht auf diese Art und Weise entstanden. Dafür gibt es keinerlei historische Belege. Jedoch lässt sich dadurch meiner Meinung nach die Verwandtschaft der beiden Labyrinthfiguren beweisen. Sie sind nicht einfach Spiralen und nicht einfach Mäander. Diese Elemente sind enthalten und auf „labyrinthische“ Art miteinander verbunden.

Verwandter Artikel

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Im Artikel von Richard Myers Shelton in Caerdroia 42 (März 2014) gibt es die Abbildung einer Eingeweidezeichnung auf einem Tontäfelchen, das älter ist als die bisher betrachteten (siehe Verwandte Artikel unten).

Tontafel mit Eingeweidezeichnung

Tontäfelchen aus Umma aus altbabylonischer Zeit, Foto © Louvre

Die Tontafel mit den Eingeweideritzungen stammt aus der sumerischen Stadt Umma, dem heutigen Tell Jokha im Irak aus der Zeit um 1900 bis 1600 v. Chr. und befindet sich nunmehr im Louvre unter der Nr. AO 6033.
Das Foto ist in der digitalen Keilschrifttextsammlung der Universität von Kalifornien, Los Angeles, unter der CDLI-Nr. P386355 zu finden.

Leider ist das Täfelchen beschädigt, die fehlenden Linien lassen sich jedoch einwandfrei rekonstruieren und zeigen dann den folgenden Grundriss:

Die Eingeweidezeichnung auf AO 6033

Die Eingeweidezeichnung auf AO 6033

Die Linienführung erinnert sehr stark an das so genannte Berliner Labyrinth auf der Tontafel VAT 744 aus dem Vorderasiatischem Museum Berlin, das einige hundert Jahre jünger ist.

Die Eingeweidezeichnung auf VAT 744

Die Eingeweidezeichnung auf VAT 744

Die wesentlich andere Linienführung ergibt für die Eingeweidezeichnung AO 6033 im Louvre jedoch ein ganz anderes Labyrinth.
Der aus den Begrenzungslinien ermittelte Weg, der Ariadnefaden, sieht dann so aus:

Der Ariadnefaden in der Eingeweidezeichnung AO 6033

Der Ariadnefaden in der Eingeweidezeichnung AO 6033

Daraus konstruiere ich nun eine geometrisch exakte Figur, bestehend aus Kreisbogenelementen. Deren Mittelpunkte können alle auf einer Linie angeordnet werden.

Der geometrisch "richtige" Ariadnefaden

Der geometrisch „richtige“ Ariadnefaden

Zu diesem Ariadnefaden konstruiere ich dann um die gleichen Mittelpunkte die Begrenzungslinien und erhalte das komplette Labyrinth:

Das komplette Labyrinth

Das komplette Labyrinth

Die Wegführung ist ganz anders als im Berliner Labyrinth. In der Mitte ist eine Art Doppelspirale und daneben liegen zwei Wendepunkte. Auffällig sind die beiden sichelförmigen Leerräume.

Auf jeden Fall haben wir ein bisher unbekanntes Durchgangslabyrinth. Vielleicht sogar das älteste nachgewiesene? Jedenfalls älter als das Täfelchen von Pylos.
Wie sollte man es benennen? In Anlehnung an die Vorschläge von Andreas vielleicht: Das Babylonische Umma Labyrinth.


Wer möchte ein solches Labyrinth als begehbares Labyrinth bauen? Die nachfolgende Zeichnung liefert die dazu notwendigen Angaben. Die Maßangaben sind als Einheiten zu verstehen. Also „1“ kann sein: 1 cm, 10 cm, 60 cm, ein Meter, ein Yard, ein Fuß, zwei Fuß, eine Schrittlänge, ein Stock u.ä.

Konstruktionszeichnung

Konstruktionszeichnung

Man geht am bestenwie folgt vor: Eine Linie festlegen, in 16 Teile einteilen, die Mittelpunkte kennzeichnen, die Kreisbögen mit einer Schnur, Draht, Zirkel, Band o.ä. ziehen. Die Radien sind ein Vielfaches der Einheit, also R2 bedeutet 2 mal die Einheit usw. Am sinnvollsten ist es, zuerst die oberhalb liegenden Bögen zu zeichnen.

Das Labyrinth kann mit Lineal, Bleistift und Zirkel auf Papier gezeichnet werden oder als begehbares Labyrinth im Sand gekratzt, mit Spänen gestreut, mit Steinen gelegt werden o.ä. Die zwei Zugänge kann man ganz nach Wunsch anordnen.

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Beim 22. Zeidner Nachbarschaftstreffen am 6. Juni 2015 in Dinkelsbühl war der Marsch durch  den Wunderkreis einer der Höhepunkte der Veranstaltung, da er nur so etwa alle drei Jahre durchgeführt wird.

In meinem ersten Beitrag vom 21. Juni 2015 habe ich ausführlich über den Wunderkreis selbst und die mehr „technischen“ Aspekte geschrieben (siehe Verwandter Artikel unten).

Wer etwas mehr über die geschichtlichen Hintergründe wissen will, dem empfehle ich, das in den Weiterführenden Links nachzulesen. Die Zeidner selbst haben über ihre Traditionen und ihr Brauchtum geschrieben.

In diesem Beitrag geht es mehr um den Marsch durch den Wunderkreis selbst.

An einem wunderschönen Tag in einer wunderschönen Umgebung, im Herzen der Altstadt auf dem alten Pflaster vor der Schranne im  mittelalterlichen Dinkelsbühl, war dieses Ereignis einer der Höhepunkte des 22. Zeidner Nachbarschaftstreffens.

Der temporäre Zeidner Wunderkreis in Dinkelsbühl

Der temporäre Zeidner Wunderkreis in Dinkelsbühl

Der Weinmarkt war an diesem Nachmittag für den Durchgangsverkehr gesperrt und so mancher erstaunte Tourist wunderte sich über die weißen Linien auf dem Pflaster.
Ein ortsansässiger Bäcker (Bild 7) hatte extra für diesen Tag ungefähr 250 Kipfel gebacken. Der Marsch selbst dauerte etwa 15 Minuten. Danach gab die Zeidner Musikkapelle noch ein Platzkonzert, wobei einige mutige Pärchen sogar tanzten.

Ich konnte an diesem Tag auch den jetzigen Nachbarvater Rainer Lehni (Bilder 8, 11) und den Altnachbarvater Udo Buhn (Bild 20) kennen lernen, sowie Gespräche mit den Zeidner selbst führen.

Fotogalerie:

Klicken auf ein Bild öffnet das Karussell, klicken auf das × oben links im Karussell, oder der „Esc“-Taste auf Ihrer Tastatur, schließt es.

Zu den Klängen des traditionellen Kipfelmarsches, dargeboten von der Zeidner Musikkapelle, bewegten sich zahlreiche Beteiligte auf den Linien des Wunderkreises und wurden am Ende mit einem Kipfel belohnt.

Vermutlich müssen wir nun wieder drei Jahre warten, bis es wieder einen Marsch durch den Wunderkreis gibt?

Obwohl der Zeidner original Wunderkreis im jetzigen Codlea (heute Rumänien) noch existiert, ware es schön, wenn die Zeidner Siebenbürger Sachsen ihre Tradition auch im heutigen Deutschland in einem dauerhaften Wunderkreis pflegen könnten.

Verwandter Artikel

Weiterführende Links

Der Zeidner Wunderkreis

Der Zeidner Wunderkreis

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Labyrinth Typen bei Kern

Kern unterscheidet grundsätzlich zwischen dem kretischen Typ und allen anderen Labyrinth Typen. Für ihn ist der kretische Typ ein einachsiges, alternierendes Labyrinth mit sieben Umgängen und der exakten Umgangsfolge 3-2-1-4-7-6-5 (siehe Kern° Abb. 5, S. 35).

KretTyp

Umgangsfolge des Kretsichen Labyrinths bei Kern°, Abb. 5, S. 35

Labyrinthe mit dieser Wegführung, egal ob sie im oder gegen den Uhrzeigersinn drehen, einen klassischen, konzentrischen oder anderen Grundriss aufweisen, als Felsritzungen, Steinsetzungen oder Zeichnungen in Manuskripten, usw. vorkommen, bezeichnet er als vom kretischen Typ.

In allen anderen Labyrinthen sieht Kern Variationen oder Umdeutungen (Kern°, S. 23 und Tabelle S. 24, 25) des kretischen Typs. Das bezieht er nicht nur auf einachsige Labyrinthe mit anderer Umgangszahl oder Wegführung (wie z.B. Typ Jericho, Typ Otfrid), sondern auch auf alle mehrachsigen Labyrinthe (z.B. römische Mosaiklabyrinthe, Typ Chartres, Typ Reims etc.). Zusammenfassend findet man bei Kern folgende Labyrinth Typen (Kern, S. 144 – 147):

  • Kretisch; kretisch modifiziert; kretisch (Jericho); kretisch, modifiziert, 6 Umgänge (Jericho); kretisch, 6 Umgänge
  • Chartres; Chartres modifiziert; Chartres (Jericho); Chartres, modifiziert 6 Umgänge
  • Otfrid
  • Reims

Er unterscheidet also reine von modifizierten Labyrinth Typen.

Kern’s Anspruch war nicht, eine Typologie zu schaffen. Aber wenn er von einem Typen spricht, meint er damit eine ganz bestimmte Wegführung. Dies gilt für seine reinen Typen. Alle Labyrinthe, die Kern z.B. in den Abbildungslegenden als vom kretischen Typ identifiziert, haben die gleiche Wegführung. Das Gleiche gilt auch für die Labyrinthe vom Typ Chartres. Bei seinen modifizierten Typen bleibt es jedoch unklar.

Es ist faszinierend zu lesen, wie Kern in den ersten Kapiteln seines Buches den verschiedenen Spuren einer möglichen Entstehung des Labyrinths nachforscht. Wie er versucht, eine erste historisch belegte Erscheinung des Labyrinths zu fixieren. Er findet sie nicht in dem von Plutarch überlieferten „Kretischen Labyrinth“, das nicht als Bauwerk existiert hat (Kap. II). Auch nicht in den Bauten, die bereits in der Antike als Labyrinth bezeichnet worden sind (Kap. III: das Ägyptische Labyrinth, das Labyrinth auf Lemnos / Samos, das Italienische Labyrinth, Didyma, das Labyrinth von Nauplia). Kern stellt jedoch fest, dass im Fundament der Tholos von Epidauros das einzige Bauwerk der Antike vorliegt, das mit Recht als Labyrinth bezeichnet werden darf.

Weitere Spuren findet Kern in Tänzen (Kap. II). Er muss aber offen lassen, ob diese überhaupt in irgend einer Labyrinthform oder gar in der bestimmten Form des Kretischen Labyrinth-Typs getanzt worden sind.

Aber warum nur gibt Kern seinem Grundtyp den Namen „Kretisches Labyrinth“?

Er nennt diesen Labyrinth Typ aufgrund seines vermuteten Ursprungs (S. 15) „kretisch“. Dies, obwohl diese Vermutung in klarem Widerspruch zu den Ergebnissen seiner eigenen gründlichen Untersuchung der historischen Belege steht. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass dies der erste Labyrinth Typ war, der historisch einwandfrei feststellbar ist. Er darf somit zu Recht als Grundlabyrinth angesehen werden. Die ersten sicheren Belege für diesen Labyrinth-Typ sind aber nicht kretisch, sondern von Pylos (Griechenland) oder Galicien (Spanien).

Kern hat also den ursprünglichen Labyrinth Typ richtig identifiziert, ihm aber einen Namen gegeben, der seinen eigenen Forschungsergebnissen widerspricht. Für mich hat er damit ein grosses Rätsel hinterlassen.

Verwandte Beiträge:

°Kern, Hermann. Labyrinthe – Erscheinungsformen und Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München: Prestel, 2. Aufl. 1983.

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Beim 22. Zeidner Nachbarschaftstreffen in Dinkelsbühl konnte ich bei der Anlage des temporären Wunderkreises am 6.6.2015 dabei sein.

Die Siebenbürger Sachsen im heutigen Deutschland kommen aus Transilvanien (heute Rumänien) und sind in besonderer Weise mit Dinkelsbühl verbunden durch den Verband der Siebenbürger Sachsen.

Es ist erstaunlich, wie sich über so lange Jahre diese Tradition des Marsches durch den Wunderkreis zu den Klängen des ebenfalls historischen Kipfelmarsches erhalten hat.
Mehr dazu erfahren Sie in den Weiterführenden Links unten auf dieser Seite.

Als gelernter Geometer und „Labyrinthologe“ interessierte mich natürlich am meisten, wie das Wissen um die „Herstellung“ des Wunderkreises über Generationen weitergegeben wurde. Ich konnte die Planskizze anschauen, und insbesondere auch die Umsetzung direkt vor Ort miterleben.

Zeidner Wunderkreis

Zeidner Wunderkreis, rekonstruiert aus einer Nachlaßskizze von Thomas Dück

Hier die Handskizze von Rainer Lehni für den „Außendienst“:

Handskizze von Rainer Lehni

Handskizze von Rainer Lehni

Die sieht zunächst unspektakulär aus mit der Zeichnung der Linien, einigen Ziffern und den wenigen Maßangaben.  Die Linien zeigen den Weg im Labyrinth, den so genanntem Ariadnefaden, dem alle folgen. Die Linien stellen also nicht die Begrenzungslinien dar, wie bei vielen Labyrinthen üblich.

Die innere Struktur eines Labyrinthes ist eine wichtige Eigenschaft, die auch in der so genannten Wegfolge sichtbar wird. Wir haben es hier mit der Doppelspirale und dem Mäander zu tun, basierend auf einem Dreieck.
Eine Besonderheit sind auch die zwei Zugänge zum Labyrinth, in den Zeichnungen als Start und Ende bezeichnet. In der Mitte wird lediglich die Richtung gewechselt, somit haben wir es mit einem Durchgangslabyrinth zu tun.

In den nächsten Fotos schauen wir den „Machern“ des Wunderkreises bei der Arbeit zu.
Klicken auf ein Bild öffnet das Karussell, klicken auf das × oben links im Karussell, oder der „Esc“-Taste auf Ihrer Tastatur, schließt es.

Die nachfolgende Konstruktionszeichnung zeigt, wie ich das als gelernter Vermesser in einer Zeichnung umsetze.

Die Zeidner wählten als Grundmaß 60 cm, das ist der Abstand von Linie zu Linie, quasi die Wegbreite. Daraus ergeben sich alle übrigen Maße. Der kleinste Halbkreis hat einen Radius von 30 cm; in Abständen von jeweils 60 cm folgen die übrigen Elemente. Der größte Durchmesser (quasi der Bauchumfang) im äußersten Umgang (in der Zeichnung mit 1 bezeichnet) beläuft sich auf 13.80 m. Der ganze Weg durch den Wunderkreis beträgt etwa 236 m.

Der Wirkungsgrad (Umwegfaktor) liegt bei 37 oder sogar 40, wenn man am Ende beginnt.

Das ganze Labyrinth besteht aus knickfrei aneinander gefügten Bogenstücken, die von vier Mittelpunkten (M1 – M4) aus bestimmt werden. Die Reihenfolge beim Abstecken der Bogenstücke könnte beliebig sein. Sinnvoller ist es jedoch, mit den oberen Halbkreisen um M4 (grün) zu beginnen. Danach folgen die Bögen um M3 (braun) und zum Schluss die um M2 und M1.

Die Hauptkonstruktionspunkte (M1 – M3) bilden ein Dreieck. M4 wird seitlich angehängt. Diese Punkte sollte man vor dem Anzeichnen der Bogenelemente abstecken. Dadurch gewinnt man einen besseren Überblick über die Lage des Wunderkreises vor Ort.
Die „Grundlinie“ zwischen M1 und M2 könnte auch etwas enger sein.

Beim Gang durch den Wunderkreis werden zuerst die fünf äußeren Umgänge (1 – 5) durchwandert. Diese entsprechen einem einfachen Labyrinth. Die nachfolgenden sieben Umgänge (6 – 12), die von immer enger werdenden spiralförmigen Bogenstücken gebildet werden, entsprechen einer Doppelspirale mit der Umkehr der Bewegungsrichtung in der Mitte in einem Mäander.

Das Betreten des Labyrinth erfolgt in den 5. Umgang nach rechts, das Verlassen geschieht im 7. Umgang.

Am Ausgang des Wunderkreises wird jeder mit einem Kipfel belohnt, ein weltweit einmaliger Brauch.

Konstruktionszeichnung

Konstruktionszeichnung

Die nachfolgenden Fotos zeigen die Hauptkonstruktionslinien in Blau, die Lage der Mittelpunkte in Rot und die Nummerierung der Umgänge von außen nach innen von 1 bis 12. Damit können wir die so genannte Wegfolge ableiten, also die Reihenfolge, in der die Umgänge durchschritten werden: Start-5-2-3-4-1-6-8-10-12-11-9-7-Ende. Das ist so etwas wie die innere Struktur des Wunderkreises, quasi der Rhythmus.

Die Linien auf dem Pflaster von Dinkelsbühl

Die Linien auf dem Pflaster von Dinkelsbühl

Die Konstruktionslinien (blau) und die Mittelpunkte (rot)

Die Konstruktionslinien (blau) und die Mittelpunkte (rot)

Die Nummerierung der Linien (von außen nach innen)

Die Nummerierung der Linien (von außen nach innen)

Fertig für den Marsch

Fertig für den Marsch

So, und nun geht es endlich los. Die nachfolgenden Fotos zeigen den auf den ersten Blick vielleicht verwirrenden Marsch durch den Wunderkreis.

Kleiner Tipp: Folgen Sie dem roten Punkt in den Bildern 1 – 16 auf dem Weg durch den Wunderkreis, dann finden Sie die Anführerin.

Klicken auf ein Bild öffnet das Karussell, klicken auf das × oben links im Karussell, oder der „Esc“-Taste auf Ihrer Tastatur, schließt es.

In der Geschichte des Labyrinthes verkörpern die Wunderkreise, die übrigens auch im Englischen so genannt werden, eine einzigartige Form des Labyrinthes, die es wohl nur in Deutschland und den baltischen Ländern gab und noch gibt.

Etliche Wunderkreise kennen wir aus der Literatur.
Zu den vier als historisch anerkannten Labyrinthen in Deutschland zählt das Rad in der Eilenriede in Hannover (ursprünglich von 1642) und der nach historischen Unterlagen 2002 wieder angelegte Wunderkreis im Jordanpark von Kaufbeuren (ursprünglich von 1846).

Der erste Wunderkreis in Eberswalde von 1609 wurde 2009 zum 400-jährigen Jubiläum mit einem Treuetaler geehrt und der dritte Wunderkreis 2013 nach historischen Unterlagen auf dem Hausberg neu errichtet.

Obwohl der Zeidner original Wunderkreis im jetzigen Codlea (heute Rumänien) noch existiert, ware es schön, wenn die Zeidner Siebenbürger Sachsen ihre Tradition auch im heutigen Deutschland in einem dauerhaften Wunderkreis pflegen könnten.

Das wäre ein großartiger Beitrag zur Kulturgeschichte des Labyrinths mit diesem einzigartigen Zeidner Wunderkreis und seinen besonderen Merkmalen.

… Fortsetzung folgt

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Weiterführende Links

Der Zeidner Wunderkreis

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