Ist im Chartres Labyrinth eine Trojaburg verborgen und wenn ja, wie sieht diese aus?

Gibt es eine Verwandtschaft zwischen dem 11-gängigen Chartres Labyrinth und den in Skandinavien meistens 11-gängigen Trojaburgen?
Welche Beziehungen, Ähnlichkeiten oder Unterschiede bestehen da?

Das Chartres Labyrinth

Das Chartres Labyrinth

Die Trojaburg Visby

Die Trojaburg Visby

Das Chartres Labyrinth wurde um 1200 herum in der Kathedrale von Chartres gebaut. Die Trojaburgen entstanden vermutlich zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert, vielleicht gibt es sogar prähistorische Exemplare. Die meisten haben 11 Umgänge, es gibt aber auch welche mit 7 oder 15 Umgängen.
Mit den Trojaburgen verwandt sind die Rasenlabyrinthe. Die meisten der noch erhaltenen britischen Rasenlabyrinthe sind vom Typ Chartres mit 11 Umgängen, nur zwei sind klassische mit 7, bzw. 15 Umgängen. Zwei deutsche historische Rasenlabyrinthe haben 11 Umgänge und sind vom klassischen Typ. Der Typ Chartres kommt bei den skandinavischen Trojaburgen so gut wie kaum vor.

Kann man die beiden doch sehr unterschiedlichen Typen überhaupt miteinander vergleichen?
Dazu muss man beide etwas umformen. Chartres hat einige spezielle Eigenschaften, die es von den anderen mittelalterlichen Typen unterscheidet, zu denen es gehört. Das sind die sechs kreisförmigen Elemente in der Mitte und die Umrandung mit den 113 Zacken. Charakteristisch für die mittelalterlichen Typen sind auch die „Barrieren“ in den Wegen, die jeweils eine Wendung um 180° bewirken. Bei Chartres sind sie in den waagrechten und senkrechten Achsen angeordnet. Spekulationen, ob das die Kreuzigung oder Christianisierung des Labyrinths bedeutet, können wir uns sparen. Das kann sein, muss aber nicht. Denn die Achsen könnten auch in anderen Winkeln oder noch mehr Achsen angeordnet sein und würden doch die gleiche Wegfolge erzielen.
11 Umgänge sind keine neue Erfindung für den Typ Chartres, denn mit dem Grundmuster des klassischen 7-gängigen Labyrinths lassen sich ganz einfach 11 Umgänge erzeugen, wie die Trojaburgen beweisen.

Besonders charakteristisch für alle Labyrinthtypen ist die Linienführung der Umgänge, die sich in der Wegfolge ausdrückt: das ist die Reihenfolge, in der die einzelnen Umgänge nacheinander begangen werden. Das ist entscheidend für die Qualität eines Labyrinthes. Denn darin zeigt sich der Rhythmus oder die Melodie, wenn nicht sogar die Dramaturgie der Wegführung eines Labyrinths.

Können wir die Barrieren weglassen und haben wir dann immer noch ein Labyrinth? Oder anders ausgedrückt: Können wir aus dem 4-achsigen Labyrinth ein einachsiges machen?
Ja, es geht beim Typ Chartres. Nicht bei jedem mittelalterlichen Labyrinth (z.B. beim Typ Reims, Sens, Bayeux, Auxerre) gelingt das. Das deutet schon darauf hin, von welch hoher Qualität der Chartres Typ ist.
Welche Wegfolge kommt dabei heraus?
Die folgende Grafik macht das deutlich. Gleichzeitig ist das im Labyrinth enthaltene Grundmuster durch die schwarzen Linien kenntlich gemacht. Damit wird das Chartres Labyrinth vergleichbar mit der Trojaburg.
Wegfolge Chartres: 5-4-3-2-1-6-11-10-9-8-7-12

Grafik Chartres

Grafik Chartres

Um die Trojaburg mit Chartres vergleichbar zu machen, ist sie in eine kreisförmige Form verwandelt worden. In der Grafik der Trojaburg ist ebenfalls das darin enthaltene Grundmuster schwarz hervorgehoben. Die Wegfolge bleibt durch die Umformung erhalten. So wie es auch egal ist, ob das Labyrinth rechts- oder linkshändig ist oder ob es kreisförmig oder eckig ist, kurz: welche Form es hat.
Wegfolge Trojaburg: 5-2-3-4-1-6-11-8-9-10-7-12

Grafik Trojaburg

Grafik Trojaburg

Der Vergleich zeigt, dass bei beiden Typen im Umgang 5 die erste „Linkskurve“ kommt. Bei Chartres geht es weiter mit 4-3-2, bei der Trojaburg mit 2-3-4, also in umgekehrter Reihenfolge. Dann bei beiden 1-6-11. Danach bei Chartres 10-9-8, bei der Trojaburg 8-9-10, also wieder umgekehrt. Am Schluss biegen beide Typen vom Umgang 7 aus in die Mitte ein.
Einige Passagen sind identisch, an zwei Stellen ist die Reihenfolge vertauscht. Es ist also schon jetzt eine gewisse Ähnlichkeit zwischen beiden Typen zu finden.

Jetzt entwickeln wir aus dem Grundmuster im Chartres Typ (ohne die Barrieren) ein klassisches 11-gängiges Labyrinth (eben eine Trojaburg) in gewohnter Weise. Das Grundmuster wird in eine eckige Form gebracht und die rechten Teile um einen Umgang nach unten abgesenkt. Es ist nun nicht mehr quadratisch, wie wir es sonst gewohnt sind, sondern rechteckig (doppelt so hoch wie breit) und zeigt wieder sein zentrales Kreuz. Aus dem kreisrunden Modell mit größerer Mitte wird das kreisförmige Modell mit der kleinen Mitte.
Die Wegfolge in dieser Trojaburg ist identisch mit der im Chartres Labyrinth:
5-4-3-2-1-6-11-10-9-8-7-12

Grafik Trojaburg Typ Chartres

Grafik Trojaburg Typ Chartres

Meines Wissens ist ein solches Labyrinth bisher noch nie aufgetaucht.
Ob diese Zusammenhänge zwischen Trojaburg und Chartres Labyrinth den damaligen Labyrinth-Baumeistern bekannt waren, weiß ich nicht.
Ich glaube, eher nicht. Es ist bemerkenswert, dass die Skandinavischen Trojaburgen offenbar nicht vom Typ Chartres beeinflusst waren, die britischen Rasenlabyrinthe schon.
Für mich ist trotzdem klar: Es gibt eine größere Verwandtschaft zwischen den klassischen Labyrinthen und den mittelalterlichen Typen als manche bisher angenommen haben. Und es zeigt die außerordentliche Qualität und Originalität des Chartres Typs.

Gleichzeitig ist es aber auch ein Beleg dafür, dass die mittelalterlichen Typen nach anderen Gesichtspunkten und Methoden „erzeugt“ wurden als mit einem Grundmuster. Wesentlich finde ich, ist die Einführung der „Barrieren“ um mehr Wendungen und Abschnitte bei einer gleichen Anzahl von Umgängen zu erzielen. Oder anders ausgedrückt: Um die Wegfolge zu verändern.
Interessant wäre es auch herauszufinden, wann eigentlich die „Barrieren“ zum ersten Mal im Labyrinth aufgetaucht sind. Denn sie stellen eine entscheidende Weiterentwicklung des klassischen Labyrinths dar und sind maßgeblich für die Entstehung der mittelalterlichen Typen.

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3 Gedanken zu „Ist im Chartres Labyrinth eine Trojaburg verborgen und wenn ja, wie sieht diese aus?

  1. Pingback: Wie mache ich ein Klassisches (Minoisches) Labyrinth aus einem Mittelalterlichen Labyrinth? Teil 3 | bloggermymaze

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