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Die Babylone sind sicher mit den weitverbreiteten Trojaburgen im Norden Europas verwandt. Jedoch sehen sie etwas anders aus.
Direkt nach dem Eingang gibt es eine Verzweigung und somit die Möglichkeit in zwei Richtungen weiter zu gehen. Und dann kommt oft keine eigentliche Mitte, sondern in einer Doppelspirale geht es einfach wieder zurück.

Die Trojaburg von Visby (Insel Gotland, Schweden)

Die Trojaburg von Visby (Insel Gotland, Schweden), Quelle: Ernst Krause, Die Trojaburgen Nordeuropas, 1893, Fig. 1, S. 4

Doch wie könnten sie sich entwickelt haben?
In Fennoskandinavien haben sich zahlreiche Steinlabyrinthe bis auf den heutigen Tag erhalten. Besonders im östlichen Gebiet, von Finnland bis zur russischen Kolahalbinsel sind die Babylone zu finden. Oft liegen sie in Küstennähe und auf Inseln. Hier siedelten die Ureinwohner Nordeuropas, die Samen. Es ist möglich, dass die Babylone etwas mit der Samischen Mythologie zu tun haben.
Sie sind vermutlich ab dem 13. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein entstanden. Und sie wurden alle auf die gleiche Weise gebaut: Mit auf den Boden gelegten faust- bis kopfgroßen Steinen.

Doch warum sehen die Babylone ganz anders aus und folgen nicht dem wohlbekanntem Grundmuster aus Kreuz, Winkeln und den vier Punkten? Die meisten skandinavischen Trojaburgen haben elf Umgänge und sind nach dem erweitertem Grundmuster gelegt worden.

Das 11-gängige Kretische Labyrinth mit dem Grundmuster aus Kreuz, vier Winkeln und vier Punkten

Das 11-gängige Kretische (klassische) Labyrinth mit dem Grundmuster aus Kreuz, vier Doppel-Winkeln und vier Punkten, rechts in runder Form

Doch schon dabei gab es Abweichungen und Varianten. Das kann bei dieser Bauweise ganz leicht geschehen.
So gibt es bei manchen schwedischen Trojaburgen die Variante mit dem offenen Kreuz, die es ermöglicht in zwei Richtungen zur Mitte zu gehen. Und damit z.B. einen Wettlauf zu veranstalten. Darum heißen diese auch oft „Jungfrudans“ oder „Jungfruringen“.

9-gängiges Steinlabyrinth (Jungfruringen) bei Köpmanholm (Schweden)

9-gängiges Steinlabyrinth (Jungfruringen) bei Köpmanholm (Schweden), Quelle: © John Kraft, Die Göttin im Labyrinth (1997), Abb. 7, S. 26

Bei diesem Labyrinth wurde nur unten ein zusätzlicher Winkel eingefügt, dadurch ergeben sich 9 Umgänge.

Hier Schemazeichnungen für ein 11-gängiges Labyrinth:

Das 11-gängige Kretische Labyrinth, rechts mit offenem Kreuz

Das 11-gängige Kretische Labyrinth, rechts mit offenem Kreuz

Im Bericht von Budovskiy habe ich eine Grafik (von 1973?) von Prof Kuratov gefunden, der eine Einteilung von Labyrinthen vorgenommen hat und dabei wohl auch die Entstehung der Babylons nachvollziehen wollte (gestrichelte Linie in der Grafik).

Die Tafel von Prof. Kuratov

Die Tafel von Prof. Kuratov

In der ersten Spalte ist jeweils eine Art Prinzip zu sehen. Als erstes das ganze kretische Labyrinth. In der zweiten die linksdrehende Spirale, in der dritten Zeile die rechtsdrehende Spirale, dann die Doppelspirale und unten Kreise.
In Reihe Ia sehen wir den kretischen Typ in verschiedenen Varianten.
In Reihe Ib das offene Kreuz und eine kleiner werdende Mitte.
In Reihe II eine rechtsdrehende Spirale und das fehlerhafte Labyrinth, das Karl Ernst von Baer (1792 – 1876) im Jahr 1838 auf der Insel Wiehr entdeckt hat.
In Reihe III das Babylon mit der Doppelspirale.
In Reihe IV mehrarmige Labyrinthe, die an die mittelalterlichen Labyrinthe erinnern.

Das offene Kreuz gibt es einige Male unter den skandinavischen Labyrinthen. Die leere Mitte wird dabei manchmal kleiner und rutscht dann sogar unter die zwei oberen Wendepunkte hinunter, bis sie nur noch angedeutet wird und schließlich ganz weggelassen wird.

Die Zeichnung von John Kraft zeigt das:

Die Trojaburg von Nisseviken (Schweden)

Die Trojaburg von Nisseviken (Schweden), Quelle: Grafik © John Kraft in Gotländskt Arkiv 1983 im Beitrag Gotlands trojeborgar, S. 87

In einem Bericht über die Babylone auf WeirdRussia habe ich neben zahlreichen Fotos auch diese Grafik gefunden:

Steinsetzung auf der Bolschoi Sajazki Insel

Steinsetzung auf der Bolschoi Sajazki Insel

Die Mitte gibt es so gut wie gar nicht mehr. Es ist eher eine Nische oder eine Verbreiterung des Weges. In diesem Bereich sind manchmal auch kleine Steinhaufen aufgeschichtet. Sollen sie das Tor zur Unterwelt oder den Bauch der Schlange darstellen? Die Enden der Begrenzungslinien sind verdickt. Das ist leicht zu bewerkstelligen mit einigen Steinen mehr.
Das Labyrinth hat seine Bedeutung verändert, damit sein Aussehen und wurde zum Durchgangslabyrinth.

 

Als Schemazeichnung in geometrisch korrekter Form:

Babylon Solovki

Babylon Solovki

Vermutlich entsprechen die meisten Babylone dieser Art.

Auf diesem Foto kann man gut die Wegführung erkennen.

In der Tafel von Prof. Kuratov und bei Vinogradov findet sich die Grafik eines Babylons mit einer etwas „runderen“ Doppelspirale, die ich in meinem letzten Beitrag (siehe unten) schon einmal gezeigt habe.
Bei den finnischen Steinsetzungen gibt es offensichtlich einige, die eher so aussehen.

Grafik eines Babylons nach Vinogradov

Grafik eines Babylons nach Vinogradov

Nach den meisten Fotos sehen die Babylone nicht genau so aus. Der Eingang ist enger und hat ein kurzes gerades Stück.

Eigentlich muss man sie als Wunderkreise ansehen. Wenn sie auch nicht so eine perfekte Doppelspirale haben wie der Zeidner Wunderkreis. Die Wunderkreise von Kaufbeuren oder von Eberswalde entsprechen den Babylonen schon eher.

Wie könnte man diesen Typ nennen? Im letzten Beitrag hatte ich vorgeschlagen: Babylonischer Wunderkreis. Doch jetzt tendiere ich eher zu Samischer Wunderkreis, weil er sich im Kulturkreis der Samen entwickelt hat und da wahrscheinlich zu Ritualen im Totenkult verwendet wurde.

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Insgesamt gibt es laut Wikipedia etwa 35 Labyrinthe auf der Inselgruppe Solowezki im Onegabusen des Weißen Meeres in der Oblast Archangelsk (Russland), etwa 500 km nördlich von St. Petersburg und 150 km südlich des Polarkreises.

Das Labyrinth auf der Bolschoi Sajazki Insel

Das Labyrinth auf der Bolschoi Sajazki Insel, Quelle: Wikipedia, Foto © Vitold Muratov 2013

Wie alt sind sie, wer hat sie angelegt, was bedeuten sie? Dazu gibt es viele Spekulationen (die Weiterführenden Links zeigen es). Daran will ich mich nicht beteiligen.
Ich möchte nur herausfinden um welchen Typ von Labyrinth es sich handelt. Dafür habe ich genügend Anhaltspunkte gefunden. Es gibt etliche Fotos, die einen Teil der Labyrinthe ganz gut erkennen lassen, aber leider nicht vollständig.

Die folgende Grafik aus einem 1927 veröffentlichten Buch von Nikolai Vinogradov (Historiker, Ethnologe und Volkskundler 1876 – 1938) habe ich im Internet gefunden.

Grafik einer Steinsetzung

Grafik einer Steinsetzung

Im Buch von Hermann Kern habe ich das Foto einer Felsritzung auf der Insel Skarv im Stockholm-Archipel (Schweden) gefunden, die vermutlich aus dem 18./19. Jhdt. stammt.

Felsritzung auf der Insel Skarv

Felsritzung auf der Insel Skarv, Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 583; Foto: Bo Stiernström, 1976

Im Vergleich zur Grafik oben ist das Labyrinth gespiegelt und die Doppelspirale hat einen Umgang weniger.

Die volkstümlich Babylons genannten Labyrinthe haben die gleiche Bauweise wie die skandinavischen Trojaburgen, stammen wohl auch aus dieser Zeit und haben vermutlich auch ähnlichen Zwecken gedient.
Der Grundriss ist jedoch ganz anders. Es finden sich keine der bekannten 11- oder 15-gängigen kretischen Labyrinthe, die aus einem erweiterten Grundmuster entstanden sind.

Sie gehören zu den Durchgangslabyrinthen. Diese haben eine Doppelspirale in der Mitte und labyrinthische Umgänge um zwei Wendepunkte herum. Sie können zwei Zugänge haben oder nur einen, jedoch mit einer Verzweigung.

Die Hinweise, die Babylons könnten im Zusammenhang mit einem Totenkult stehen und würden zwei ineinander verschlungene Schlangen darstellen, erklären gut die Figur. Sie könnten auch als eine Art Kunstwerk angelegt worden sein.

Es zeigen sich zwei ineinander verschachtelte Spiralen. In einer geometrischen Figur mit Halbkreisen um verschiedene Mittelpunkte herum lassen sie sich wie folgt konstruieren:

Blaue und rote Spiralen

Blaue und rote Spiralen

Die beiden Linien lassen sich auch gut in einem Zug und freihändig zeichnen: In der Mitte beginnen, einmal nach rechts ganz herum, dann auf der rechten Seite nach außen drehen und zurück auf die linke Seite, von hier wieder nach rechts, aber innen herum. Die rote Linie endet hier. Die blaue wird erst noch einmal außen herum nach links gedreht.
In einem nächsten Schritt zeichnet man erst die blaue Spirale, lässt Platz zwischen den Linien und setzt die rote Spirale dazwischen.
Klingt kompliziert, ist es auch. Aber am besten mit Bleistift auf einem Blatt Papier selbst probieren.

Das Ergebnis sollte dann etwa so aussehen:

Rote Spirale in der blauen

Rote Spirale in der blauen

Bei einem aus Steinen gelegten Labyrinth lassen sich diese halbrunden oder elliptischen Bögen relativ einfach konstruieren.

Am besten fängt man in der Mitte an. Da kann man die Verdickungen der Enden und der Zwischenstücke am leichtesten anordnen. Denn die übrigen Linien folgen in gleichmäßigen Abständen.

Schritt 1 und 2

Schritt 1 und 2

Man macht drei Halbkreise nach unten (Schritt 1) und vier Halbkreise nach oben (Schritt2). Das erzeugt die Doppelspirale in der Mitte.

Schritt 3 und 4

Schritt 3 und 4

Dann füge ich in Schritt 3 fünf Halbkreise oben hinzu. Das erzeugt links fünf freie Enden und rechts sieben. Diese verlängere ich bis zur schrägen Linie rechts und links (Schritt 4).

Schritt 5 und 6

Schritt 5 und 6

In Schritt 5 verbinde ich die beiden äußersten freien Endstücke rechts und links so miteinander, dass in der Mitte eine Lücke für den Eingang bleibt. In Schritt 6 werden parallel dazu die übrigen freien Enden miteinander verbunden. Die zwei restlichen freien Enden rechts und links bilden die Wendepunkte.

Bemerkenswert ist bei diesem Labyrinth, dass die Begrenzungslinien sich nicht überschneiden wie beim kretischen Labyrinth. Trotz der Verzweigung bleibt der Weg durch die ganze Figur eindeutig und folgt dem „labyrinthtypischen“ Rhythmus.

Die Konstruktionselemente

Die Konstruktionselemente

Auch wenn die Babylons nicht so geometrisch exakt angelegt wurden, zeigen diese Konstruktionselemente doch die wesentliche innere Struktur und lassen sie damit zu den Wunderkreisen zählen. Ich würde sie gerne Babylonischer Wunderkreis nennen zur Unterscheidung von den Wunderkreisen mit zwei Zugängen nebeneinander wie beim Zeidner Wunderkreis.

Mit den Babylonischen Labyrinthen sind sie verwandt durch die Doppelspirale in der Mitte und den eindeutigen Weg dorthin, auch wenn dieser dort von zwei entgegengesetzten Eingängen losgeht.

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