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Über Facebook habe ich dieses moderne Durchgangslabyrinth gefunden:

Durchgangslabyrinth mit Mäandern

Zeichnung mit freundlicher Erlaubnis von © Sergej Likhovid

Die Zeichnung zeigt einen Entwurf von Sergej Likhovid für ein Labyrinth, das in einem verlassenen Schwimmbad in Odessa (Ukraine) angelegt wurde. Mehr über das Projekt finden Sie in einem Zeitungsartikel in den Weiterführenden Links unten. Es ist ein Sektorenlabyrinth und verwendet den Mäander. Und damit kommen wir zum Thema:

In der Geschichte des Labyrinths spielt der Mäander eine große Rolle. Der Mäander lässt sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen. Damit ist er sehr viel älter als alle bisher bekannten Labyrinthfiguren (auf dem Täfelchen von Pylos um 1200 v.Chr.). Wann gab es die erste Verbindung Mäander – Labyrinth? Der Zusammenhang mit dem Labyrinth kann sich vermutlich nunmehr bis in die Babylonische Zeit (um 1800 v.Chr.) nachweisen lassen.

Im 1. Teil habe ich schon das Labyrinth nach Abb. 5 der Vorderasiatischen Tontafel VAT 9560 aus Weidners Artikel vorgestellt. Die Tontafel wird von ihm auf Grund der beigefügten Keilschriftzeichen auf die Zeit um 1000 v. Chr. datiert.

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 5 (hier Ariadnefaden)

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 5 (hier Ariadnefaden)

In dieser Darstellung des Wegverlaufs (Ariadnefaden) kann man sehr schön den Mäander in der Mitte erkennen.

Hier die geometrisch korrekte Darstellung der Begrenzungslinien:

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 5 (hier Begrenzungslinien)

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 5 (hier Begrenzungslinien)

In dieser Zeichnung lässt sich auch das Grundmuster ablesen. Es hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem für das Indische Labyrinth, wird jedoch etwas anders konstruiert.

Bei Weidner gibt es noch die Abb. 4 von der Tontafel VAT 9560. Die Figur ist zwar unvollständig, zeigt aber eindeutig einen Zugang links oben und das Ende in der Mitte:

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Die beiden Linien auf der rechten Seite lassen sich eindeutig rekonstruieren und die komplette Zeichnung zeigt ein Labyrinth:

Das vollständige Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Das vollständige Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Hier eine Grafik in geometrisch korrekter Weise:

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Das Eingeweidelabyrinth VAT 9560, Abb. 4

Der Vergleich der unterschiedlichen Labyrinthe aus Abb. 5 und Abb. 4 zeigt innerhalb des Dreiecks in den geometrisch korrekt konstruierten Darstellungen ein identisches Muster. Und dieses wiederum ist identisch mit einem schon bekanntem Grundmuster, nämlich dem des Indischen Labyrinths (auch Chakra Vyuha genannt). Lesen Sie mehr darüber im unten stehenden Verwandten Artikel über das Indische Labyrinth.

Das Grundmuster für das Indische Labyrinth

Das Grundmuster für das Indische Labyrinth

Nur die Verbindung der Punkte und Linien für das Durchgangslabyrinth nach Abb. 5 erfolgt etwas anders. Beim Indischen Labyrinth (und bei dem nach Abb. 4) beginnt man im Dreiecksmuster oben und macht den ersten Bogen zum nächsten unterhalb rechts befindlichen Linienende. Und dann verbindet man alle weiteren Linienenden und Punkte wie beim klassischen Labyrinth gewohnt jeweils parallel zum ersten Bogen. Beim Durchgangslabyrinth nach Abb. 4 beginnt man ebenfalls oben, zieht den ersten Bogen jedoch bis zum zweiten Linienende. Der Rest wird wieder wie gewohnt konstruiert.

Das Indische Labyrinth gibt es noch in weiteren Varianten. Hier ein Exemplar aus Hermann Kerns Buch:

Das Indische Labyrinth

Das Indische Labyrinth, Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe (1982), Abb. 602, S. 422

Das Indische Labyrinth ist schon sehr alt, der Ursprung ist schwierig zu beweisen. Wer das Grundmuster dafür entdeckt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, dürfte vermutlich erst in neuerer Zeit erfolgt sein.

Nach meiner Überzeugung darf man die Babylonischen Labyrinthe als echte Labyrinthe betrachten, selbst wenn die meisten davon Durchgangslabyrinthe sind. Sie folgen einer anderen Vorstellung als unser gewohnter westlicher Begriff von einem einzigen Weg, der in die Mitte führt. Trotzdem können wir sie zu den eigentlichen Labyrinthen zählen, wie wir ja auch das baltische Rad und den Wunderkreis von Kaufbeuren, sowie viele zeitgenössische Kreationen dazuzählen.

Inzwischen habe ich ungefähr 50 unterschiedliche Durchgangs- und Eingeweidelabyrinthe aus babylonischer Zeit finden können. Ob ein gegenseitiger Einfluss der unterschiedlichen Kulturkreise vorhanden war, ist ungewiss und welches nun das älteste historisch nachweisbare Labyrinth ist, ist noch nicht endgültig bewiesen.

Ein weiteres Exemplar eines Wahrsagelabyrinthes aus Mesopotamien aus der Zeit um 1800 v. Chr. könnte aber dem Täfelchen aus Pylos von 1200 v. Chr. den Rang ablaufen. Auf der Website von Jeff Saward habe ich ein Foto davon gefunden (siehe auch Links unten). Hier als Zeichnung:

Mesopotamisches Wahrsagelabyrinth aus der Zeit um 1800 v. Chr.

Mesopotamisches Wahrsagelabyrinth aus der Zeit um 1800 v. Chr.

Mit dem Kretischen Labyrinth ist es sicher nicht direkt vergleichbar, ein näherer Blick darauf lohnt sich jedoch und zeigt die nahe Verwandtschaft zur Labyrinthfigur.

Nachfolgend eine Grafik mit der Darstellung der Begrenzungslinien und dem normalerweise verborgenem Weg (Ariadnefaden in Rot) in einer geometrisch korrekten Darstellung:

Das Mesopotamische Wahrsagelabyrinth von 1800 v. Chr.

Das Mesopotamische Wahrsagelabyrinth von 1800 v. Chr.

Es sieht natürlich anders aus als wir vielleicht erwartet hätten. Es hat aber nur einen Eingang und ein Ende in der Mitte. Die Mitte ist zwar unten, aber hier endet auch der Weg. Der Weg windet sich zuerst spiralförmig in Serpentinen nach oben und mit einem Mäander dreht er sich wieder nach unten.

Der Weg ist eindeutig, füllt den ganzen Raum aus, hat keine Abzweigungen und Sackgassen, muss ganz durchlaufen werden und führt zu einem Ziel – und zum Ausgang zurück. Selbst wenn die Linien unten in der Mitte offen wären, würde sich an der Diagnose „Labyrinth“ nichts ändern.

… Fortsetzung folgt

Viele Informationen zu den Babylonischen Tontäfelchen finden sich in einem ausgezeichnetem Artikel von Richard Myers Shelton in Jeff Sawards Caerdroia 42 (März 2014).

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Weiterführende Links

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