Wie mache ich ein Klassisches (Minoisches) Labyrinth aus einem Mittelalterlichen Labyrinth? Teil 1

Ganz einfach: Durch Weglassen der Barrieren in den Nebenachsen. Beim Chartres Labyrinth habe ich das schon ausprobiert (siehe Verwandte Artikel unten). Aber geht das auch bei jedem anderen Mittelalterlichen Labyrinth?

Als Beispiel habe ich den Typ Auxerre ausgesucht, den Andreas hier vor kurzem gezeigt hat. Dieses Labyrinth ist wie Chartres und Reims selbstdual, daher von besonderer Qualität. Und sie haben alle eine komplementäre Version.

Das Auxerre Labyrinth

Das Auxerre Labyrinth

Hier das Original mit allen Linien und dem Weg im Labyrinth, dem Ariadnefaden. Die Querbalken in den Nebenachsen sind identisch mit denen im Typ Chartres, nur an der Hauptachse in der Mitte unten gibt es eine andere Anordnung der Wendepunkte (die Umgänge 4, 5, 7, 8).

Das originale Auxerre Labyrinth ohne die Barrieren

Das originale Auxerre Labyrinth ohne die Barrieren

Die Barrieren sind weggelassen. Beim Zeichnen des Ariadnefadens musste ich feststellen, dass vier Umgänge nicht einbezogen werden können. Daher habe ich die Umgänge neu nummeriert und es bleiben nunmehr 7 Umgänge statt der ursprünglichen 11. Das bedeutet aber auch, dass bei der Umwandlung in ein konzentrisches klassisches Labyrinth durch diese Methode kein 11-gängiges Labyrinth erzeugt wird, sondern ein 7-gängiges.

Das 7-gängige kreisrunde kretische Labyrinth

Das 7-gängige kreisrunde kretische Labyrinth

Schaut man es genauer an, erkennt man die wohlbekannte Wegfolge: 3-2-1-4-7-6-5-8. Wir haben also ein kretisches Labyrinth vor uns, hier im konzentrischen Stil.


Nun wenden wir uns dem komplementären Labyrinth zu:

Das komplementäre Auxerre Labyrinth

Das komplementäre Auxerre Labyrinth

Das komplementäre Labyrinth wird erzeugt durch Spiegelung des Originals. Die oberen Barrieren bleiben, rechts und links verlaufen sie anders und in der Hauptachse verschieben sich die Wendepunkte. Der Eintritt ins Labyrinth wechselt zur Mitte hin (Umgang 9) und der Eintritt ins Zentrum erfolgt von weiter außen (Umgang 3).

Das komplementäre Auxerre Labyrinth ohne die Barrieren

Das komplementäre Auxerre Labyrinth ohne die Barrieren

Wie beim Original werden vier Umgänge nicht erfasst (4, 5, 7, 8). Daher ergibt sich wiederum ein 7-gängiges Labyrinth. Ich habe die Umgänge neu nummeriert und das Labyrinth neu gezeichnet.

So sieht es dann aus:

Das komplementäre 7-gängige kreisrunde kretische Labyrinth

Das komplementäre 7-gängige kreisrunde kretische Labyrinth

Der Eingang ins Labyrinth erfolgt auf dem 5. Umgang, der Eintritt in die Mitte vom 3. aus. Die Wegfolge ist: 5-6-7-4-1-2-3-8. Dieses Labyrinth gehört nicht zu den historisch bekannten Labyrinthen. Es ist aber in diesem Blog schon mehrfach aufgetaucht (siehe Verwandte Artikel unten). Denn es gehört zu den interessanten Labyrinthen unter den mathematisch möglichen 7-gängigen Labyrinthen.

Das Überraschende bei dieser Umwandlung ist, dass kein 11-gängiges klassisches Labyrinth generiert werden konnte. Dafür aber das 7-gängige kretische Labyrinth. Daher können wir sagen, dass auch im Herzen des mittelalterlichen Auxerre Labyrinths ein kretisches (Minoisches) steckt so wie im Chartres Labyrinth. kretisches Labyrinth.

Verwandte Artikel

Typ oder Stil / 12

Typ im Stil

Ich verwende für die Typologie von Labyrinthen ausschliesslich ein Kriterium: die Wegführung. Diese wird am besten im Muster ersichtlich. Labyrinthe mit dem gleichen Muster sind vom gleichen Typ. Davon unterscheide ich den Stil. Stil kann umschrieben werden als eine wegweisende grafische Gestaltung.

Typ und Stil sind ergänzend. Bei vielen Labyrinth Exemplaren kann man Typ und Stil angeben. Aber es kann nicht für alle Exemplare ein Stil angegeben werden. Zum Abschluss will ich die in dieser Serie verwendeten Labyrinth Exemplare nach Typen einordnen und wo möglich auch den Stil angeben. Eine Liste der verwendeten Typen findet sich unten am Beitrag.

 

Aus dem Beitrag Typ oder Stil / 1

Kret:char

 

 

 

Kretischer Typ im Chartres Stil

 

Char:klass

 

 

 

Typ Chartres im klassischen Stil

 

 

Aus dem Beitrag Typ oder Stil / 3

7_anix

 

 

 

 

Kretischer Typ im klassischen Stil

 

ani_round_laby

 

 

 

Kretischer Typ im konzentrischen Stil

 

 

chaliceclassic

 

 

Chalice: Es gibt historische Labyrinthe mit diesem Muster. Daher nenne ich diesen Typ Abingdon (im Beitrag nicht gezeigt, aber erwähnt)

 

 

 

 

Trinity: eigener Typ (Typ Trinity) im Chartres-Stil

 

stanthony_thumb

 

 

St. Anthony: eigener Typ (Typ St. Anthony)

 

CoP

 

 

 

Circle of Peace: eigener Typ (Typ Circle of Peace)

 

santarosa1

 

 

 

Santa Rosa: eigener Typ (Typ Santa Rosa; im Beitrag nicht gezeigt, aber erwähnt)

 

 

 

Aus dem Beitrag Typ oder Stil / 4

 

regensb8

 

 

 

Chartres 8 Umgänge: eigener Typ (Typ Regensburg; kretischer Typ mit 1 zusätzlichen trivialen Umgang innen)

 

charneu8

 

 

 

Chartres 8 Umgänge: eigener Typ (Typ Charneu im Chartres Stil)

 

greycort

 

 

 

Grey’s Court: Typ Grey’s Court

 

ravenna5

 

 

 

Ravenna 5 Umgänge: Es gibt historische Labyrinthe mit diesem Muster. Daher nenne ich diesen Typ Compiègne

 

emending

 

 

 

Chartres, 5 Umgänge: Eigener Typ (Typ Emendingen)

 

 

Aus dem Beitrag Typ oder Stil / 5

Reims 1

 

 

 

Typ Reims

 

Chartres 5

 

 

 

Typ Chartres im Reims Stil

 

Um den Beitrag nicht zu überladen, unterbreche ich hier und bringe die Fortsetzung im nächsten Beitrag.

 

Die Typen:

 

Typ oder Stil / 10

Typen und Exemplare

Im letzten Beitrag habe ich Labyrinth Exemplare verschiedenen Stilen zugeordnet. Hier will ich nun Labyrinth Exemplare verschiedenen Labyrinth Typen zuordnen. Was ein Typ ist, habe ich im Beitrag / 6 beschrieben. (Siehe: verwandte Beiträge). Als Exemplar bezeichne ich das einzelne Labyrinth, sei es als Bild, Zeichnung, Plan, ausgelegt oder gebaut. Ich verwende die drei schon beschriebenen Typen und ordne jedem wiederum eine Auswahl von Exemplaren zu.

 

RF Kretisches Labyrinth

 

Exemplare vom Kretischen Typ

 

 

Es gibt eine grosse Zahl von Labyrith Exemplaren vom Kretischen Typ. Dies ist der Typ mit den meisten Exemplaren. Man sieht grosse Unterschiede in Stil und Ausführung der einzelnen Exemplare. Aber alle sind alternierende Labyrinthe mit einer Achse, sieben Umgängen und der Umgangsfolge 3, 2, 1, 4, 7, 6, 5.

 

RF Reims

 

Exemplare vom Typ Reims

 

 

Es gibt nur sehr wenige Exemplare vom Typ Reims. Ich kenne nur zwei historische Exemplare. Um auf die Schnelle eine Zeile voll zu bekommen, habe ich noch eine eigene Zeichnung angefügt.

 

RF Chartres

 

Exemplare vom Typ Chartres

 

 

Ganz anders steht es um den Typ Chartres. Es ist dies der zweit häufigste Labyrinth Typ.

Dieser Typ eignet sich übrigens bestens, um den Unterschied zwischen Typ und Stil zu verdeutilchen. Es gibt ja einen Typ Chartres und einen Stil Chartres. Man vergleiche die Labyrinthe, die hier dem Typ Chartres zugeordnet sind mit den Exemplaren aus dem letzten Beitrag (Typ oder Stil /9), die dem Stil Chartres zugeordnet sind.

Verwandte Beiträge

Typ oder Stil / 2

Labyrinth Typen bei Kern

Kern unterscheidet grundsätzlich zwischen dem kretischen Typ und allen anderen Labyrinth Typen. Für ihn ist der kretische Typ ein einachsiges, alternierendes Labyrinth mit sieben Umgängen und der exakten Umgangsfolge 3-2-1-4-7-6-5 (siehe Kern° Abb. 5, S. 35).

KretTyp

Umgangsfolge des Kretsichen Labyrinths bei Kern°, Abb. 5, S. 35

Labyrinthe mit dieser Wegführung, egal ob sie im oder gegen den Uhrzeigersinn drehen, einen klassischen, konzentrischen oder anderen Grundriss aufweisen, als Felsritzungen, Steinsetzungen oder Zeichnungen in Manuskripten, usw. vorkommen, bezeichnet er als vom kretischen Typ.

In allen anderen Labyrinthen sieht Kern Variationen oder Umdeutungen (Kern°, S. 23 und Tabelle S. 24, 25) des kretischen Typs. Das bezieht er nicht nur auf einachsige Labyrinthe mit anderer Umgangszahl oder Wegführung (wie z.B. Typ Jericho, Typ Otfrid), sondern auch auf alle mehrachsigen Labyrinthe (z.B. römische Mosaiklabyrinthe, Typ Chartres, Typ Reims etc.). Zusammenfassend findet man bei Kern folgende Labyrinth Typen (Kern, S. 144 – 147):

  • Kretisch; kretisch modifiziert; kretisch (Jericho); kretisch, modifiziert, 6 Umgänge (Jericho); kretisch, 6 Umgänge
  • Chartres; Chartres modifiziert; Chartres (Jericho); Chartres, modifiziert 6 Umgänge
  • Otfrid
  • Reims

Er unterscheidet also reine von modifizierten Labyrinth Typen.

Kern’s Anspruch war nicht, eine Typologie zu schaffen. Aber wenn er von einem Typen spricht, meint er damit eine ganz bestimmte Wegführung. Dies gilt für seine reinen Typen. Alle Labyrinthe, die Kern z.B. in den Abbildungslegenden als vom kretischen Typ identifiziert, haben die gleiche Wegführung. Das Gleiche gilt auch für die Labyrinthe vom Typ Chartres. Bei seinen modifizierten Typen bleibt es jedoch unklar.

Es ist faszinierend zu lesen, wie Kern in den ersten Kapiteln seines Buches den verschiedenen Spuren einer möglichen Entstehung des Labyrinths nachforscht. Wie er versucht, eine erste historisch belegte Erscheinung des Labyrinths zu fixieren. Er findet sie nicht in dem von Plutarch überlieferten „Kretischen Labyrinth“, das nicht als Bauwerk existiert hat (Kap. II). Auch nicht in den Bauten, die bereits in der Antike als Labyrinth bezeichnet worden sind (Kap. III: das Ägyptische Labyrinth, das Labyrinth auf Lemnos / Samos, das Italienische Labyrinth, Didyma, das Labyrinth von Nauplia). Kern stellt jedoch fest, dass im Fundament der Tholos von Epidauros das einzige Bauwerk der Antike vorliegt, das mit Recht als Labyrinth bezeichnet werden darf.

Weitere Spuren findet Kern in Tänzen (Kap. II). Er muss aber offen lassen, ob diese überhaupt in irgend einer Labyrinthform oder gar in der bestimmten Form des Kretischen Labyrinth-Typs getanzt worden sind.

Aber warum nur gibt Kern seinem Grundtyp den Namen „Kretisches Labyrinth“?

Er nennt diesen Labyrinth Typ aufgrund seines vermuteten Ursprungs (S. 15) „kretisch“. Dies, obwohl diese Vermutung in klarem Widerspruch zu den Ergebnissen seiner eigenen gründlichen Untersuchung der historischen Belege steht. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass dies der erste Labyrinth Typ war, der historisch einwandfrei feststellbar ist. Er darf somit zu Recht als Grundlabyrinth angesehen werden. Die ersten sicheren Belege für diesen Labyrinth-Typ sind aber nicht kretisch, sondern von Pylos (Griechenland) oder Galicien (Spanien).

Kern hat also den ursprünglichen Labyrinth Typ richtig identifiziert, ihm aber einen Namen gegeben, der seinen eigenen Forschungsergebnissen widerspricht. Für mich hat er damit ein grosses Rätsel hinterlassen.

Verwandte Beiträge:

°Kern, Hermann. Labyrinthe – Erscheinungsformen und Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München: Prestel, 2. Aufl. 1983.