Unechte Einfachbarriere

Wie bei den Doppelbarrieren können wir auch bei den Einfachbarrieren echte und unechte unterscheiden (siehe: verwandte Beiträge, unten). Ich zeige das hier zuerst am Beispiel von zwei nicht-labyrinthischen Figuren und beginne mit der Figur „Luan“ (Abb. 1).

Abbildung 1. Figur
Abbildung 1. Figur „Luan“

Quelle: Kern, Abb. 599, S. 418.

Dies ist eine rezente Sandzeichnung der steinzeitlichen Kultur auf der melanesichen Insel Malekula (Neue Hebriden). Kern schreibt, dass diese Figur kein Labyrinth sei und nicht einmal die Möglichkeit bestehe, sie als missverstandene Labyrinthfigur zu verstehen (Kern, S. 417). Sie besteht aus einer ununterbrochenen Linie ohne Eingang oder Zentrum. Sie hat aber 4 Achsen und 5 Umgänge. 

In Abb. 2, Figur links, zeige ich eine vereinfachte Version mit nur 3 Umgängen. Daraus ersieht man das Prinzip deutlicher. Diese Figur kann klar als in sich geschlossener Ariadnefaden gelesen werden. Deshalb habe ich sie rot gezeichnet. Dazu kann man natürlich auch die Darstellung mit den Begrenzungsmauern ergänzen (rechte Figur, blau). Man sieht, die Figur hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Labyrinth. Die Achsen werden gebildet durch die Wenden des Weges, wie sie typisch im Labyrinth von Chartres und in vielen anderen Labyrinthtypen vorkommen. 

Abbildung 2. Figur „Luan“, auf 3 Umgänge reduziert

In Abbildung 3 habe ich die Figur aus Abb. 2 umgezeichnet und auf 2 Achsen reduziert. Links (rot) zeigt die Ariadnefadendarstellung, rechts (blau) die Darstellung mit den Begrenzungsmauern. Noch ist der Ariadnefaden eine in sich geschlossenen Linie ohne Eingang oder Zentrum. Hier sieht man nun die besondere Wegführung an der Nebenachse. Die beiden einfachen Wendestellen sind um einen Umgang verschoben. Dazwischen ist ein axiales Wegstück eingeschoben, auf dem der Weg vom ersten auf den dritten Umgang wechselt, ohne die Richtung zu ändern. Ganz analog wie bei den Doppelbarrieren können wir diese Wegführungen als Einfachbarrieren bezeichnen. Die Wegführung in Abb. 2 ist eine echte, die in Abb. 3 eine unechte Einfachbarriere. 

Abbildung 3. Umzeichnung auf 2 Achsen und unechte Einfachbarrieren
Abbildung 3. Umzeichnung auf 2 Achsen und unechte Einfachbarrieren

Diese Figur kann leicht in ein Labyrinth mit 2 Achsen und 3 Umgängen überführt werden, wie in Abb. 4 gezeigt. Links (rot) ist das Labyrinth in der Ariadnefadendarstellung, rechts (blau) in der mit den Begrenzungsmauern dargestellt. 

Abbildung 4. Labyrinth mit 2 Achsen und 3 Umgängen
Abbildung 4. Labyrinth mit 2 Achsen und 3 Umgängen

Soweit mir bekannt, kommt die unechte Einfachbarriere in zwei historischen Labyrinthen vor (Abb. 5). Das linke Bild zeigt das Fussbodenlabyrinth der Kathedrale von Ely mit 5 Achsen und 5 Umgängen. Die unechte Einfachbarriere liegt an der zweiten Achse, wo der Weg vom vierten auf den zweiten Umgang wechselt. Das rechte Bild zeigt den dritten von 8 Labyrinth Entwürfen des Geistlichen Dom Nicolas Rély. Dieses Labyrinth,von mir Rély 3 genannt, hat 9 Achsen und 5 Umgänge. Die Achsen werden gebildet aus echten (Achsen 1, 2, 4, 6, 8) und unechten (Achsen 3, 5, 7) Einfachbarrieren.

Abbildung 5. Historische Labyrinthe mit unechten Einfachbarrieren
Abbildung 5. Historische Labyrinthe mit unechten Einfachbarrieren

Quelle: Ely – Saward, S. 115; Rély – Kern, Abb. 452, S. 353.

Literatur:

  • Kern H. Labyrinthe: Erscheinungsformen u. Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart e. Urbilds. München: Prestel 1982.
  • Saward J. Labyrinths & Mazes: The Definitive Guide to Ancient & Modern Traditions. London: Gaia 2003.

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