Überlegungen zum Wunderkreis, 1

Der Wunderkreis war schon oft Gegenstand in diesem Blog. Heute möchte ich einige grundsätzliche Anmerkungen dazu bringen.

Bekanntlich besteht der Wunderkreis aus labyrinthischen Windungen und einer Doppelspirale im Zentrum. Somit gibt es keine zu erreichende Mitte wie sonst im Labyrinth und zudem noch einen extra Ausgang, der aber auch zusammen mit dem Eingang in einer Verzweigung geformt sein kann.

Das macht es schwieriger das alles in einem Muster darzustellen. Auch die sonst übliche Umgangsfolge mit den abwechselnd ungeraden und geraden Ziffern funktioniert da nicht mehr richtig

Daher schlage ich vor, die spiralförmigen Umgänge mit Buchstaben zu bezeichnen. Dadurch ergibt sich auch die Möglichkeit den jeweils unterschiedlichen Typ besser zu beschreiben.

Hier der nach meiner Ansicht kleinste Wunderkreis:

Wunderkreis Typ 3 a
Wunderkreis Typ 3 a

Ein dreigängiges (normales) Labyrinth mit einer Doppelspirale. Die Umgangsfolge, nach links beginnend. wäre dann: 0-1-2-a1-a2-3-0. Wandere ich zuerst nach rechts, ergibt sich: 0-3-a2-a1-2-1-0.

Generelle Anmerkung zu „0“. Damit ist immer der Bereich außerhalb des Labyrinths gemeint. Auch wenn „0“ nicht auf den Zeichnungen erscheint.

Nun kann ich entweder die äußeren Umgänge vergrößern oder nur die Doppelspirale oder beides.

Typ 3 a-b
Typ 3 a-b

Das ist ein Umgang mehr für die Doppelspirale. Die Wegfolge nach links: 0-1-2-a1-b2-b1-a2-3-0. Nach rechts: 0-3-a2-b1-b2-a1-2-1-0.

Und jetzt:

Typ 5 a
Typ 5 a

Die Doppelspirale wie im ersten Beispiel, die äußeren Umgänge um zwei erhöht. Das erzeugt eine Wegfolge mit (nach links): 0-3-2-1-4-a1-a2-5-0. Oder nach rechts: 0-5-a2-a1-4-1-2-3-0.

Nun weiter:

Typ 5 a-b
Typ 5 a-b

Zusätzlich zum vorigen Beispiel ist auch die Doppelspirale vergrößert. Das ergibt: 0-3-2-1-4-a1-b2-b1-a2-5-0. Und: 0-5-a2-b1-b2-a1-4-1-2-3-0.

In den Umgangsfolgen erkenne ich die Gesetzmäßigkeiten wie sie auch in den schon bekannten klassischen entsprechenden Labyrinthen vorkommen. Und wenn ich die Doppelspirale weglasse, lande ich auch bei diesen Labyrinthen.

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Unechte Einfachbarriere

Wie bei den Doppelbarrieren können wir auch bei den Einfachbarrieren echte und unechte unterscheiden (siehe: verwandte Beiträge, unten). Ich zeige das hier zuerst am Beispiel von zwei nicht-labyrinthischen Figuren und beginne mit der Figur „Luan“ (Abb. 1).

Abbildung 1. Figur
Abbildung 1. Figur „Luan“

Quelle: Kern, Abb. 599, S. 418.

Dies ist eine rezente Sandzeichnung der steinzeitlichen Kultur auf der melanesichen Insel Malekula (Neue Hebriden). Kern schreibt, dass diese Figur kein Labyrinth sei und nicht einmal die Möglichkeit bestehe, sie als missverstandene Labyrinthfigur zu verstehen (Kern, S. 417). Sie besteht aus einer ununterbrochenen Linie ohne Eingang oder Zentrum. Sie hat aber 4 Achsen und 5 Umgänge. 

In Abb. 2, Figur links, zeige ich eine vereinfachte Version mit nur 3 Umgängen. Daraus ersieht man das Prinzip deutlicher. Diese Figur kann klar als in sich geschlossener Ariadnefaden gelesen werden. Deshalb habe ich sie rot gezeichnet. Dazu kann man natürlich auch die Darstellung mit den Begrenzungsmauern ergänzen (rechte Figur, blau). Man sieht, die Figur hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Labyrinth. Die Achsen werden gebildet durch die Wenden des Weges, wie sie typisch im Labyrinth von Chartres und in vielen anderen Labyrinthtypen vorkommen. 

Abbildung 2. Figur „Luan“, auf 3 Umgänge reduziert

In Abbildung 3 habe ich die Figur aus Abb. 2 umgezeichnet und auf 2 Achsen reduziert. Links (rot) zeigt die Ariadnefadendarstellung, rechts (blau) die Darstellung mit den Begrenzungsmauern. Noch ist der Ariadnefaden eine in sich geschlossenen Linie ohne Eingang oder Zentrum. Hier sieht man nun die besondere Wegführung an der Nebenachse. Die beiden einfachen Wendestellen sind um einen Umgang verschoben. Dazwischen ist ein axiales Wegstück eingeschoben, auf dem der Weg vom ersten auf den dritten Umgang wechselt, ohne die Richtung zu ändern. Ganz analog wie bei den Doppelbarrieren können wir diese Wegführungen als Einfachbarrieren bezeichnen. Die Wegführung in Abb. 2 ist eine echte, die in Abb. 3 eine unechte Einfachbarriere. 

Abbildung 3. Umzeichnung auf 2 Achsen und unechte Einfachbarrieren
Abbildung 3. Umzeichnung auf 2 Achsen und unechte Einfachbarrieren

Diese Figur kann leicht in ein Labyrinth mit 2 Achsen und 3 Umgängen überführt werden, wie in Abb. 4 gezeigt. Links (rot) ist das Labyrinth in der Ariadnefadendarstellung, rechts (blau) in der mit den Begrenzungsmauern dargestellt. 

Abbildung 4. Labyrinth mit 2 Achsen und 3 Umgängen
Abbildung 4. Labyrinth mit 2 Achsen und 3 Umgängen

Soweit mir bekannt, kommt die unechte Einfachbarriere in zwei historischen Labyrinthen vor (Abb. 5). Das linke Bild zeigt das Fussbodenlabyrinth der Kathedrale von Ely mit 5 Achsen und 5 Umgängen. Die unechte Einfachbarriere liegt an der zweiten Achse, wo der Weg vom vierten auf den zweiten Umgang wechselt. Das rechte Bild zeigt den dritten von 8 Labyrinth Entwürfen des Geistlichen Dom Nicolas Rély. Dieses Labyrinth,von mir Rély 3 genannt, hat 9 Achsen und 5 Umgänge. Die Achsen werden gebildet aus echten (Achsen 1, 2, 4, 6, 8) und unechten (Achsen 3, 5, 7) Einfachbarrieren.

Abbildung 5. Historische Labyrinthe mit unechten Einfachbarrieren
Abbildung 5. Historische Labyrinthe mit unechten Einfachbarrieren

Quelle: Ely – Saward, S. 115; Rély – Kern, Abb. 452, S. 353.

Literatur:

  • Kern H. Labyrinthe: Erscheinungsformen u. Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart e. Urbilds. München: Prestel 1982.
  • Saward J. Labyrinths & Mazes: The Definitive Guide to Ancient & Modern Traditions. London: Gaia 2003.

Verwandter Beitrag:

Wie repariere ich die Fehler in historischen Skandinavischen Labyrinthen?, Teil 4

Ursprünglich wollte ich keine Vorschläge zu einer Änderung dieses besonderen Isländischen Labyrinthes machen. Da ich aber inzwischen Genaueres über das Dritvík Labyrinth durch den Artikel von Daniel C. Browing, Jr. (Ancient Dan) auf seiner Website erfahren habe, wage ich mich doch heran.

Ich habe mich intensiv mit dem Labyrinth und seinem Aussehen beschäftigt. Um besser nachvollziehen zu können, wie es entstanden sein könnte, habe ich versucht, es mit meinen Mitteln vor allem geometrisch genau zu rekonstruieren.

Die älteste uns bekannte Darstellung ist aus dem Jahr 1900. Dabei fällt ja vor allem auf, dass der Linienbeginn und das Linienende in der Mitte der Steinsetzung liegen. Die Steinsetzungen selbst bilden dann eine ununterbrochene Linie, den Ariadnefaden. Und nicht der Weg dazwischen, wie es sich eigentlich für ein „richtiges“ Labyrinth gehört. Die Windungen bilden dabei Sackgassen und unerreichbare Abschnitte. Ob das so gewollt war, wurde in diesem Blog schon hinreichend diskutiert. Vor allem durch Richard Myers Shelton in seinem Gastbeitrag. Aber ebenso durch Ancient Dan.
Die Mitte wird von einem kleinen Steinhaufen gebildet, der aussieht wie ein Maulwurfshügel aus Steinen. Man könnte sie aber auch als den Eingang zur Unterwelt für den Schutzgeist ansehen. Und die Steinsetzungen als Andeutungen für seinen Weg auf unserer Oberwelt. Oder wir betrachten das Ganze als ein Monument für den Schutzgeist und seine Tätigkeit?

Das Dritvík Labyrinth um 1900
Das Dritvík Labyrinth um 1900

Zwischen 1900 und bis in unsere Zeit ist dann am ursprünglichen Labyrinth einiges umgebaut worden, vermutlich schon vor 1997, als Jeff Saward (Caerdroia 29 von 1998) es besucht hat. Vor allem der rechte untere Teil wurde stark verändert. Aus den zwei Schleifen mit den zwei Sackgassen wurde nur noch eine. Und die Mitte nahm in etwa die Form einer Doppelspirale an. So blieb nur ein Eingang mit einer Verzweigung. Aber es war trotzdem noch kein „richtiges“ Labyrinth.
Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass das Labyrinth so gewollt war. Denn alle übrigen bekannten Labyrinthe aus dieser Zeit, diesem Kulturkreis und dieser Region sind begehbar. Meistens sind es Durchgangslabyrinthe, die zum sogenannten klassisch-baltischen Typ gehören. Ein- und Ausgang können dabei getrennt voneinander verlaufen, aber auch durch einen einzigen Eingang mit einer Verzweigung gebildet werden. Eine ausgeprägte und leere Mitte haben sie meistens nicht. Sie wird durch eine mehr oder weniger deutliche Doppelspirale geformt. Für mich ist das ein Wunderkreis.


Wie kommen wir nun dahin? Welche Veränderungen müssen gemacht werden?

Der ganze obere Teil kann unverändert bleiben. Die Anzahl der Umgänge und der äußere Gesamtumfang können ebenfalls bleiben.

Auch der Mittelteil ist teilweise richtig. Nur der linke untere und der rechte untere Teil müssen umgebaut werden. Die Steine müssen so verschoben werden, dass keine Sackgassen mehr entstehen. Das kann zur Mitte hin oder von der Mitte weg geschehen. Die Doppelspirale wird also verkleinert oder vergrößert.

Das heutige Dritvík Labyrinth
Das heutige Dritvík Labyrinth

Im ersten Vorschlag für den Wunderkreis 1 gehe ich auf beiden Seiten nach innen, der Mittelteil bekommt einen Umgang weniger. Der linke untere Wendepunkt liegt dann auf der 4. Linie von außen her gezählt. Der rechte untere Wendepunkt liegt auf der 5. Linie.

Dritvíker Wunderkreis 1
Dritvíker Wunderkreis 1

Im zweiten Vorschlag gehe ich nach außen. Der Mittelteil bekommt dadurch einen Umgang mehr, die Doppelspirale wird also größer. Der linke Wendepunkt liegt auf der 3. Linie, der rechte auf der 5. Linie.

Dritvíker Wunderkreis 2
Dritvíker Wunderkreis 2

Das Mittelteil mit der Doppelspirale ist dadurch mehr betont und die äußeren Umgänge sind angeordnet wie beim klassischen Labyrinth.

Die Gesamtabmessungen sind geblieben, ebenso wie die Gesamtanzahl der Umgänge.

Sinnvoll ist es bei beiden Varianten zuerst nach links zu gehen und die äußeren Umgänge zu durchlaufen.


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Das Dritvík Labyrinth auf der Halbinsel Snæfellsnes in Island

Vor wenigen Monaten (im Juni 2021) besuchte Daniel C. Browning, Jr. (alias Ancient Dan) das Dritvík Labyrinth auf der Halbinsel Snæfellsnes in Island (siehe den ersten Weiterführenden Link unten)
Ich empfehle Ihnen wärmstens, diesen Artikel und den dazugehörigen ersten Teil zu lesen.

Das gab mir neue Einblicke in dieses ganz besondere Labyrinth. Daniel hat mir freundlicherweise erlaubt, einige seiner Fotos und Grafiken hier zu zeigen, wofür ich sehr dankbar bin.

Zuerst zeige ich Brynjúlf Jónssons Plan des Dritvík Labyrinths aus dem Jahr 1900, der (für mich) klarer ist als der, den ich von Richard Myers Shelton in seinem Gastbeitrag vom Januar 2021 erhalten habe.

Brynjúlf Jónssons Plan des Dritvík Labyrinths von 1900
Brynjúlf Jónssons Plan des Dritvík Labyrinths von 1900

Jónsson nennt es Völundarhús (Wielandshaus). Hermann Kern nennt die isländischen Labyrinthe auch Wielandshäuser. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert gibt es Isländische Pergamenthandschriften mit der Darstellung von Wielandshäusern. Sie sind jedoch eine Mischform von Trojaburgen und mittelalterlichen Labyrinthen, die ganz anders aussehen als das Dritvík Wielandshaus. Die übrigen nordischen Steinsetzungen werden oft auch als Trojaburgen, Babylone, Jatulintarha, Jericho, Jerusalem u.ä. bezeichnet. Diese Namen sagen aber schon oft auch etwas über deren Bedeutung aus.

Wie sieht das Labyrinth heute aus? Das zeigt ein beeindruckendes Luftbild von Daniel von Juni 2021:

Das restaurierte Dritvík Labyrinth
Das restaurierte Dritvík Labyrinth, wie es im Juni 2021 aussah (Foto © Daniel C Browning Jr, 2021)

Dabei sieht man die Unterschiede zu Jónssons Zeichnung sehr deutlich. Vor allem im unteren rechten Teil gibt es erhebliche Abweichungen, aus den zwei Schleifen wurden eine.

Plan des restaurierten Dritvík Labyrinths
Plan des restaurierten Dritvík Labyrinths, erstellt aus dem Luftbild von (© Daniel C Browning Jr, 2021)

Jeff Saward erkundete 1997 das Dritvík Labyrinth (Caerdroia 29 von 1998) und zeigt ein Foto davon in seinem Buch „Das große Buch der Labyrinthe und Irrgärten“ und im Worldwide Labyrinth Locator (siehe den dritten Weiterführenden Link unten). Schon da zeigt es dieselbe Linienführung wie auch noch 2021. Auffällig ist auch ein größerer Steinhaufen in der Mitte. Dasa erinnert ein bisschen an die russischen Babylons.

Er nennt es Wielandshaus-Steinlabyrinth und klassifiziert es als klassisch-baltischen Typ mit Spirale in der Mitte.

Um die Bedeutung des Dritvík Labyrinths zu verstehen, ist es sehr hilfreich, den kulturhistorischen Hintergrund zu beleuchten. Und das hat Daniel sehr ausführlich im ersten Teil seines Beitrags getan. Wiederum empfehle ich wärmstens dessen Lektüre.

Da heißt es an einer Stelle: Bárðr verschwand unter dem Gletscher und wurde zum Schutzgeist der Halbinsel Snaefellsnes. So könnte man das Labyrinth auch als das Tor zur Unterwelt und als ein Denkmal oder eine Erinnerung an Bárðr ansehen. Auf jeden Fall als einen Ort mit magischer Bedeutung. Vielleicht könnte man es statt Wielandshaus sogar Bárðrshaus nennen?

Die besondere Linienführung durch die Steinsetzungen ist bestens dazu geeignet. Denn sie allein stellen eine ununterbrochene Linie dar, wie wir es von einem Labyrinth erwarten. Der wird zwar in einem „nomalen“ Labyrinth durch den eigentlich unsichtbaren Teil des Labyrinths, den Weg (oder auch Ariadnefaden), abgebildet. Aber hier durch die Steine. Und als Besonderheit kommt noch hinzu, dass diese Linienführung in der Mitte beginnt und endet, nicht wie sonst außen. Dadurch ist dieses Labyrinth auch nicht so begehbar wie wir es sonst gewohnt sind. Es könnte mit seinen Sackgassen höchstens als Falle dienen.

Sogar die in meinen Augen missglückte Restaurierung von 2000 ändert an diesem Befund nichts. Es gibt zwar nun einen Zugang mit einer Verzweigung wie bei einem Wunderkreis, auch eine Doppelspirale in der Mitte. Aber man kommt nicht mehr zurück zum Eingang. Man landet entweder rechts oder links in einer Sackgasse.
Die Steinsetzung allein bildet wieder eine ununterbrochene Linie, die in der Mitte beginnt und endet.

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