Typ oder Stil / 1

Zur Ordnung von Labyrinthen

Manchmal kann es passieren, dass man auf ein neues Labyrinth aufmerksam wird oder selber ein Labyrinth kreiert. Dann will man natürlich wissen: Gibt es so ein Labyrinth schon oder ist es etwas Originales? Um das zu beantworten, braucht es eine Typologie der Labyrinthe. Man könnte dann das fragliche Exemplar mit der Typologie abgleichen. Eine Typologie sollte darum

  • gleiche Labyrinthe zu Typen zusammenfassen
  • ungleiche Labyrinthe verschiedenen Typen zuordnen
  • nachvollziehbar darlegen, wie die Typen gebildet wurden
  • die einzelnen Labyrinthe eindeutig, d.h alle nach den gleichen Kriterien, zuordnen
  • das Spektrum der bekannten Labyrinthe abdecken
  • offen sein, damit bisher unbekannte Labyrinth Typen ergänzt werden können

Wie also sollen die einzelnen Labyrinthe geordnet, typisiert werden?

Typ:Stil

Wie einordnen?

 

Es gibt verschiedene Ansätze, die Vielfalt der Labyrinthe zu ordnen. Zuerst muss natürlich das Werk von Hermann Kern, Labyrinthe°, genannt werden. Kern hat das gesamte verfügbare Material über Labyrinthe und Irrgärten zusammengetragen und geordnet. Sein Anliegen war jedoch nicht, eine Typologie zu schaffen. Er wollte das erste Entstehen oder Aufscheinen der Labyrinthfigur und danach ihre weitere Verbreitung nachvollziehen. Kern ordnet die Labyrinthe in erster Linie nach der Zeit. Im Verlauf der geschichtlichen Verbreitung findet er verschiedene typische Formen. Kern verwendet ausdrücklich einige Labyrinth Typen, insbesondere den Kretischen Typ und den Typ Chartres.

Die Ordnung der Labyrinthe von Kern hat viele nachfolgende Versuche beeinflusst. So etwa die Zusammenstellung mit chronologisch / geographischer Ordnung von 100 Labyrinthen bei Eichfelder. Ähnliches gilt auch für die Übersichten von Edkins oder Jensen. Diese Zusammenstellungen sind jedoch nicht als Typologien konzipiert.

Die Labyrinth Society präsentiert auf ihrer Website eine eigene Typologie. Diese lehnt sich teilweise an die Ordnung von Kern an, macht aber auch deutliche Abweichungen. Diese Typologie ist jedoch unvollständig und intransparent. Die Beschäftigung mit dieser Typologie hat mich dazu geführt, den klassischen Stil zu identifizieren.

Eine eigene Typologie findet sich auch auf der Website Begehbare Labyrinthe. Diese Typologie bezieht sich auf die im Katalog der Website verzeichneten Labyrinthe und ist in dieser Hinsicht vollständig. Darunter befinden sich mehrere neue eigenständige Labyrinth Typen, was aber oft nicht klar gemacht wird.

Erwin hat auf diesem Blog wiederholt dargelegt, dass für ihn die Wegfolge das entscheidende Kriterium für die Typisierung von Labyrinthen ist. Er wendet dieses Prinzip aber nicht immer konsequent an.

Ich verwende für die Typenbildung ausschliesslich ein Kriterium: Das Muster. Damit ist auch unmittelbar klar, wie die einzelnen Labyrinth Exemplare dem Typ zugeordnet werden. Erwin und ich liegen weitgehend, aber nicht vollständig auf einer Linie.

Ein grosses Problem bei der Typologie von Labyrinthen ist, dass Typ und Stil verwechselt werden. Dabei liegt das, was ich hier schon mal mit „Stil“ bezeichnen will, noch etwas im Diffusen. Dieses muss noch klarer gefasst werden. Deshalb will ich in den folgenden Beiträgen versuchen, zwischen Typ und Stil zu unterscheiden und ihr Verhältnis zu klären.

°Kern, Hermann. Labyrinthe – Erscheinungsformen und Deutungen; 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München: Prestel, 2. Aufl. 1983.

13 Gedanken zu „Typ oder Stil / 1

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  8. Hallo Andreas, hallo Erwin. Darf ich als relativer Labyrinth-Neuling einmal eine Frage stellen: Mir ist aufgefallen, dass man bei vielen Labyrinthen, nachdem man die ersten Schritte ins Labyrinth gemacht hat, zuerst einmal links abbiegt. Ist das tatsächlich so? Und wenn ja, hat das eigentlich einen bestimmten Grund oder Sinn? Danke für eure Antwort.
    Liebe Grüße Anita

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    • Liebe Anita
      Ja dem ist so. Es wird geschätzt, dass etwa 2/3 der Labyrinthe mit einer Abbiegung nach links beginnen und somit im Uhrzeigersinn drehen. D.h. der erste Umgang verläuft dann im Uhrzeigersinn. Wenn man ein solches Labyrinth horizontal spiegelt, dreht es gegen den Uhrzeigersinn. Es ist das gleiche Labyrinth aber gegenläufig. Nur etwa 1/3 der Labyrinthe drehen gegen den Uhrzeigersinn. Warum das so ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Da das gleiche Labyrinth in beiden Drehrichtungen vorkommen kann, ist diese für die Typologie der Labyrinthe nicht relevant.

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    • Liebe Anita,
      das mit dem zuerst links oder rechts herum ist zunächst einmal für die Typologie der Labyrinthe egal, wie Andreas sagt.
      Man nennt das sogar linkshändiges oder rechtshändiges Labyrinth.
      Ich habe aber schon von manchen Leuten erfahren, dass sie aus bestimmten Gründen die eine oder die andere Herangehensweise bevorzugen.
      Konkret: Beim rechtshändigen wendet man sich zuerst mit der Vorderseite des Körpers (sprich Herz) der Mitte zu und das wäre der richtige Eintritt für den Tanz.
      Ich glaube aber eher, dass das meistens einfach Zufall ist, wie es losgeht. Ich persönlich habe einfach links angefangen und konstruiere meine Entwürfe am liebsten so. Somit gehöre ich wohl zur 2/3 Mehrheit.
      Da hat jeder die Freiheit es zu machen wie er möchte. Es sollte da kein richtig oder falsch geben.

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  9. Lieber Andreas, lieber Co-Autor,
    Du sprichts mir voll aus dem Herzen. Es ist wunderbar, dass du dieses Thema aufgreifst. Von der Wegfolge bin ich deswegen teilweise wieder abgekommen, weil ich lernen musste (durch dich), dass damit nicht alles über ein Labyrinth ausgesagt ist. Ich bin gespannt auf das, was alles noch kommen wird von dir. Vielleicht noch zur Ergänzung: Ich bin ja inzwischen auch auf Facebook und da gibt es etliche sogenannte Gruppen, die sich mit dem Labyrinth beschäftigen. Da erfahre ich dann doch noch so manches interessante. Einen Namen möchte ich da nennen, das ist Lars Howlett, der das „Erbe“ von Robert Ferré angetreten hat und sich auch an einer Einordnung der klassischen Labyrinthe versucht hat.
    In der Sache bin ich voll mit dir auf einer Linie. Nur denke ich halt, dass unter dem Begriff „Muster“ sich vor allem viele labyrinthaffine Leute das doch sehr bekannte Grundmuster vorstellen. Mir ware der Ausdruck „Struktur“ lieber.
    Und vorher müsste man noch definieren, was ein Labyrinth eigentlich ist. Das ist noch schwieriger, weil die von Hermann Kern vorgeschlagenen „Prinzipien“ inzwischen teilweise von mir selbst und vor allem in der Labyrinthszene, wie ich sie auf Facebook mitbekomme, in Frage gestellt werden.
    Stichwort: Wunderkreis, Baltisches Rad, Durchgangslabyrinth.
    Damit möchte ich dich aber nicht abhalten von deinen Beiträgen zur Ordnung der Labyrinthe. Denn das ist wichtig und gut.
    Danke für dein Engagement, lieber Andreas.

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    • Lieber Erwin
      Wie Du als erfahrener Labyrinthologe sofort bemerkst, ist das Thema vielschichtig. Es drängt sich eine Reihe von Antworten auf. Aber damit würde ich kommenden Beiträgen vorgreifen.
      Die Sache mit der Abgrenzung oder dem Einbezug von labyrinthähnlichen Figuren sollte schon einmal thematisiert werden. Ich sehe darin keine prinzipielle Schwierigkeit. Man könnte als Oberbegriff „Labyrinthe im weiteren Sinne“ verwenden (finde ich persönlich nicht gut). Darunter, auf gleicher Ebene dann „Labyrinthe im engeren Sinne“ (wie bei Kern, also sog. unikursale Labyrinthe), „Irrgärten“, „Mäander“, „Malekula“, „Durchgangslabyrinthe“, „Baltische Räder“, Spiegelungs- oder Verdoppelungslabyrinthe“ und was es sonst noch gibt, unterscheiden. Das sind ja noch keine Typen, sondern Familien oder Gruppen von Figuren, also eine oder mehrere Ebenen höher aggregiert als die Typen – Jede dieser Gruppen muss noch weiter unterteilt werden, bis man zu Typen kommt. Ich halte mich dabei vorerst an die „Labyrinthe im engeren Sinne“. Die bieten bei weitem genügend Material.

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      • Lieber Andreas,
        das war mir gleich klar, dass das noch eine Menge Arbeit ist. Die überlasse ich gerne dir und bin wirklich gespannt auf alles, was da noch kommt.
        So ergänzen wir uns, denn ich bin inzwischen ja auch auf anderen Pfaden unterwegs. Wir haben noch Material für einige Jahre, denke ich. Hoffentlich bekommen das auch die richtigen Leute mit. Aber das ist nicht schlimm, wenn es dauert, denn unser Blog hat kein Verfalldatum, weil es eine kostenlose Plattform ist. Dafür müssen wir auch WordPress dankbar sein, auch wenn einige eingestreute Werbebanner manchen vielleicht nerven.

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