Das Babylonische Eingeweidelabyrinth, Teil 1

Dieses vergängliche Kunstwerk von Denny Dyke am Strand von Bandon, Oregon zeigt Doppelspiralen, Knoten und ein Durchgangslabyrinth mit einem Mäander in der Mitte.
Ist das etwas neues oder gibt es historische Vorbilder?

Dream-Field von Denny Dyke am Strand von Bandon, Oregon

Dream-Field von Denny Dyke am Strand von Bandon, Oregon. Foto © Amber Shelley-Harris

Eine der ersten Abbildungen in Hermann Kerns Buch „Labyrinthe“ (Prestel Verlag, 1982) zeigt das sogenannte >Berliner Labyrinth<. Es befindet sich auf einem Tontäfelchen aus vermutlich mittel- bis neubabylonischer Zeit (1100 – 600 v. Chr.) im Vorderasiatischen Museum Berlin mit der Nummer VAT 744. Dargestellt sind die Darmschlingen eines Opfertieres als Muster für die Auslegung bei der Eingeweideschau.
Für Hermann Kern ist das kein Labyrinth, sondern eine Doppelspirale mit Richtungsänderung im Zentrum. Ebenso sind Spiralen, Mäander und Knoten keine Labyrinthe. Das sind sie im strengen Sinn auch nicht, aber sie kommen als Elemente in Labyrinthen vor.

Berliner Labyrinth

Berliner Labyrinth

Der Vorderasiatische Archäologe und Assyriologe Ernst Friedrich Weidner hat sich 1917 in einem Beitrag in den Orientalistischen Studien unter dem Titel „Zur babylonischen Eingeweideschau; zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Labyrinths“ damit befasst (siehe Link unten, auf den Seiten 191-198).

Eingeweidetäfelchen VAT 984

Eingeweidetäfelchen VAT 984

Er sieht in diesen Eingeweidezeichnungen eine außerordentliche nahe Verwandtschaft  zu den Labyrinthzeichnungen der ägäischen Kultur (wie auf der Kanne von Tragliatella) und den nordischen Trojaburgen.

Die Kanne von Tragliatella

Die Kanne von Tragliatella

Worin diese Verwandtschaft besteht, sagt er allerdings nicht. Doch so einfach ist die nicht zu erkennen. Darum lohnt sich ein näherer Blick auf die Täfelchen aus Weidners Beitrag. Erst eine Analyse der Wegstruktur zeigt die Ähnlichkeit.

Zuerst die Doppelspirale:

Eine Doppelspirale

Eine Doppelspirale

Sie hat zwei Eingänge/Ausgänge. Die beiden Wege (farbig gekennzeichnet) treffen sich im Zentrum, wo die Bewegungsrichtung sich ändert. Die Wegführung entspricht einem Mäander.

Der Bewegungsverlauf im >Berliner Labyrinth<:

Der Weg im Berliner Labyrinth

Der Weg im Berliner Labyrinth

Ein- und Ausgang liegen nebeneinander. Es gibt drei Wendepunkte mit Richtungsänderungen. Eine Doppelspirale allein ist es jedenfalls nicht, denn da gäbe es nur eine Richtungsänderung.

Nachfolgend in einer Grafik das Original, sowie der Ariadnefaden und die Begrenzungslinien in geometrisch korrekter Form:

Zeichnungen des Berliner Labyrinths

Zeichnungen des Berliner Labyrinths

Das Labyrinth lässt sich übrigens ganz einfach zeichnen, auch wenn die Beschreibung kompliziert klingt. Sie bezieht sich auf die rechte untere Zeichnung.

  • Ich zeichne zwei gerade, schräge Linien, die sich in einem Punkt treffen (in Blau, gestrichelt)
  • Um den Schnittpunkt als Mittelpunkt zeichne ich in gleichmäßigen Abständen in der linken Hälfte acht Halbkreise (in Schwarz), die beiden außen nur teilweise
  • Jetzt kommt die rechte Seite:
  • Das 3. und 5. Bogenende (von oben links gezählt), verbinde ich mit einem Halbkreis (in Cyan) um das 4. Bogenende als Mittelpunkt
  • Das 1. und 3. Bogenende (von der Mitte aus nach unten gezählt)  verbinde ich um das 2. Bogenende als Mittelpunkt mit einem Halbkreis (in Grün)
  • Parallel dazu zeichne ich noch drei weitere Halbkreise (in Grün)
  • Die letzten drei Halbkreise (in Braun) haben das erste Bogenende rechts unterhalb des Schnittpunktes der blauen Hilfslinien als Mittelpunkt
  • Drei Halbkreise haben einen schon „besetzten“ Bogenendpunkt gemeinsam: der 3. und 5. von links oben, der 3. von rechts unten
  • Acht Bögen links einer gemeinsamen Linie und sieben Bögen rechts davon bilden das „Berliner Labyrinth“
  • Die „Fontanelle“ als ausgesparte Fläche ist verhältnismäßig groß

Die Verwandtschaft zu einem klassischen Labyrinth ist noch nicht so gut zu erkennen. Aber dass es ein Labyrinth sein könnte, ahnt man schon.

Besser dazu geeignet ist ein anderes Exemplar aus Weidners Artikel:

Das Vorderasiatische Tontäfelchen VAT 9560

Das Vorderasiatische Tontäfelchen VAT 9560

Wieder Eingang und Ausgang, jedoch vier Wendepunkte.

In der Grafik betrachten wir erst einmal jeden Weg für sich:

Das Vorderasiatische Tontäfelchen VAT 9560

Das Vorderasiatische Tontäfelchen VAT 9560

Der Bewegungsverlauf ist zwar spiralförmig, ergibt jedoch keine Doppelspirale. Die Umgänge pendeln um zwei Wendepunkte. Einmal direkt und einmal eingebettet um den Wendepunkt des anderen Weges. Dadurch laufen zwei Umgänge eines Weges auch nebeneinander. In der Mitte treffen sich die Wege und sind über einen Mäander miteinander verbunden. Der eine Weg führt hinein und der andere heraus.
Jeder Weg für sich allein betrachtet stellt ein Labyrinth dar. Wir haben daher zwei ineinander verschachtelte Labyrinthe vor uns, die über einen Mäander verbunden sind. Die Wege sind eindeutig und zielgerichtet, wechseln pendelnd die Richtung und haben keine Verzweigungen oder Sackgassen. Sie füllen den ganzen Innenraum aus und müssen vollständig „gegangen“ werden. Alles was Hermann Kern von einem Labyrinth fordert.

Hier der Weg im babylonischen Eingeweidelabyrinth geometrisch korrekt:

Der Ariadnefaden im Babylonischen Eingeweidelabyrinth

Der Ariadnefaden im Babylonischen Eingeweidelabyrinth

Hier die Begrenzungslinien geometrisch korrekt:

Das Babylonische Eingeweidelabyrinth

Das Babylonische Eingeweidelabyrinth

Dieses Labyrinth hat sogar ein Grundmuster. Wer findet es? (Mehr darüber in einem späteren Beitrag).

Es gibt kein Ende des Weges in einer klar definierten Mitte, wie wir (im Westen) es vom Labyrinth gewohnt sind. Es ist nicht ein Weg in die Mitte, sondern durch die Mitte. Es zeigt ein ganz anderes Labyrinthverständnis. Es kommt ja auch aus einem ganz anderen Kulturkreis und dient(e) anderen Zwecken. Es entspricht eher dem Motto: Der Weg ist das Ziel.
Selbst wenn wir das nicht als „vollwertiges“ Labyrinth anerkennen, muss man es als einen Vorläufer des „eigentlichen“ Labyrinths ansehen.

Auch beim baltischen Rad haben wir zwei Wege. Beim Wunderkreis von Kaufbeuren gibt es sogar eine Verzweigung und ebenso einen Mäander in der Mitte. Wir akzeptieren inzwischen auch andere Kreationen als Durchgangs- oder Prozessionslabyrinthe.

Doch habe ich in Weidners Beitrag noch etwas sehr interessantes gefunden: Ein Eingeweidelabyrinth mit nur einem Weg und einem Ende in der Mitte. Und es kann mit einem schon bekanntem Grundmuster gezeichnet werden. Mehr darüber in einem späteren Beitrag.

… Fortsetzung folgt

Weiterführende Links

Viele Informationen zu den Babylonischen Tontäfelchen finden sich in einem ausgezeichnetem Artikel von Richard Myers Shelton in Jeff Sawards Caerdroia 42 (März 2014).

13 Gedanken zu „Das Babylonische Eingeweidelabyrinth, Teil 1

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  12. lieber erwin,
    sehr spannend !
    wenn das korrekte laby auf dem täfelchen von pylos mit 1220 v.u.z datiert
    u o.g. eingeweidelaby jünger ist, so stellen sich mir die frage:
    * ob das laby an verschiedenen orten entwickelt wurde
    * ob eine fragestellung an ort A so und an ort B anders gelöst wurde ?
    * ob infos verloren gingen von gr nach babylon?
    ich freu mich auf den angekün digten weiteren beitrag von dir !
    lg
    ilse

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    • Liebe Ilse,
      die Eingeweidelabyrinthe sind teilweise sogar älter als das Täfelchen von Pylos. Nur gibt es da nicht einen bestimmten Typ, sondern viele verschiedene. Dahinter steht auch eine ganz andere Vorstellung von Labyrinth. Ob sich die Ideen unabhängig entwickelt haben, lässt sich noch nicht sagen. Und wie sie sich beeinflusst haben könnten, auch noch nicht. Da gibt es noch zu forschen.

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