Varianten des Kretischen Labyrinths

Das „Kretische“ ist der häufigste Labyrinth-Typ überhaupt, und so finden wir für diesen Typen eine grosse Vielfalt von verschiedenen Varianten. Hier zeige ich einige Exemplare, die aus verschiedenen Gründen interessant sind. Wo nichts anderes angegeben, stammen die Bilder aus dem Buch Labyrinthe von Hermann Kern. Die Details zu den Quellenangaben sind hier.

Abbildung 1. Pylos

Abbildung 1. Pylos

Diese Ritzzeichnung auf einem Tontäfelchen aus dem Palast des Nestor in Pylos wird auf spätestens 1200 v.Chr. datiert und ist das älteste sicher datierte Labyrinth überhaupt. Sie zeigt den Kretischen Typ auf rechteckigem Grundriss.

Abbildung 2. Silbermünze, Knossos

Abbildung 2. Silbermünze, Knossos

Diese Abbildung zeigt das Labyrinth mit konzentrischem Grundriss auf einer Silbermünze aus Knossos, ca. 190 – 100 v.Chr.. Das Zentrum des Labyrinths deckt sich mit dem Mittelpunkt der Umgänge. Die Achse ist leicht exzentrisch, da das Wegstück zum Zentrum auf das Zentrum ausgerichtet ist.

Abbildung 3. Walahfrid

Abbildung 3. Walahfrid

In dieser Zeichnung aus einer Pergamenthandschrift des Walahfrid Strabo (808 – 849) ist das Labyrinth in der vollendeten konzentrischen Form dargestellt. Die achsiale Trennwand, welche die innerste mit der äussersten Begrenzungsmauer verbindet, ist auf das Zentrum ausgerichtet.

Dass sich Variationen des Grundrisses nicht auf Standardformen wie Kreis und Rechteck beschränken, zeigen die nächsten Beispiele.

Abbildung 4. Herzlabyrinth

Abbildung 4. Herzlabyrinth

Dieses Herzlabyrinth von Mario Höhn enthält den Kretischen Typ mit einem zusätzlichen geschlossenen Umgang innen. Die Umgänge verlaufen nicht alle parallel zueinander (wie bei einem 7-spurigen Kreisverkehr). Umgänge 7 und 6 sind auf die rechte Herzkammer beschränkt. Umgang 5 führt in die linke Kammer und ist dort mit dem in sich geschlossenen 8. Umgang verbunden.

Abbildung 5. Doppellabyrinth

Abbildung 5. Doppellabyrinth

Eine andere Methode, um ein Herzlabyrinth zu erzeugen haben Marty Kermeen und Jeff Saward angewendet. Sie verwenden dazu ein Doppellabyrinth (DL). Dieses besteht aus zwei identischen Labyrinthen, die horizontal gespiegelt aneinandergefügt sind. Das eigentliche Labyrinth (L) ist also eines der beiden Teillabyrinthe. Dabei handelt es sich um das Kretische, projiziert auf einen halbherzigen Grundriss.

Abbildung 6. Abhuyumani Tantra

Abbildung 6. Abhuyumani Tantra

Diese tantrische Zeichnung aus Rajasthan, Indien, 19. Jh. zeigt das Labyrinth auf einem Dreiviertelskreis angeordnet – das meiste davon jedoch nur auf einem Halbkreis. Nur die Wendestelle vom 1. auf den 4. Umgang nimmt den ganzen dritten Quadranten ein. Der vierte Quadrant wird von der Figur nicht ausgefüllt.

Abbildung 7. Nîmes

Abbildung 7. Nîmes

Dieses römische Mosaik-Labyrinth aus Nîmes, Frankreich, 1. Jh., hat einen unauffälligen rechteckigen, Umriss. Aber es zeigt, wie kein anderes, dass der Grundriss nicht nur aus der geometrischen Form (Kreis, Rechteck, Herz, usw.) besteht. Ebenso wichtig ist, wie innerhalb der Umrissform die Wegführung organisiert ist. Und die hat es wirklich in sich. Man versuche doch einmal, die Keimstruktur / das Grundmuster / das Seed Pattern dieses Labyrinths zu identifizieren. Die Wegführung enthält mindestens drei Auffälligkeiten.

  • Alle Umgänge machen keine volle (360°), sondern nur 3/4 (270°) Drehung. Es ist also – ähnlich wie das indische – ein 3/4 Labyrinth. Der Grundriss deckt aber alle 4 Quadranten ab.
  • Die inneren Umgänge sind vollständig in den Quadranten 1 und 2 untergebracht. Normalerweise decken alle Umgänge alle Quadranten ab.
  • Nur die äusseren 4 Umgänge bedecken auch die Quadranten 3 und 4.

Durch diese Verschiebungen und Umformungen in der Wegführung wird der Grundriss fast bis zur Unkenntlichkeit variiert. Wie komme ich nun dazu, alle diese verschiedenen Exemplare als Kretischen Typ zu bezeichnen? Was ist allen diesen Exemplaren gemeinsam? Das, was das Kretische ausmacht, wurde auf diesem Blog und andernorts schon wiederholt beschrieben.

  • Einachsiges Labyrinth
  • Alternierend, d.h. der Weg quert die Achse nicht
  • 7 Umgänge
  • Umgangsfolge (d.h. die Reihenfolge in der die vom Anfang bis zum Ende des Wegs durchnummerierten Umgänge vom Weg belegt werden): 3-2-1-4-7-6-5.

Es ist wichtig, festzuhalten, dass hier von einem alternierenden Labyrinth die Rede ist. Es gibt auch nicht alternierende Labyrinthe. Nur bei den alternierenden Labyrinthen gibt es pro Umgangsfolge genau einen Labyrinth-Typen. Umgekehrt gilt dann auch, dass man jeden alternierenden Typen mit seiner Umgangsfolge eindeutig beschreiben kann.

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6 Gedanken zu „Varianten des Kretischen Labyrinths

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