Wie mache ich aus einem Mäander ein 5-gängiges klassisches Labyrinth?

Einen dafür geeigneten Mäander habe ich in der Antikensammlung des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg in der Residenz auf diesem Äolischen Teller (H 5348) aus der Zeit um 575 v. Chr. gefunden:

Äolischer Teller um 575 v. Chr.

Äolischer Teller um 575 v. Chr.

In schematischer Form sieht er so aus:

Mäander mit der Umgangsfolge 0-5-2-3-4-1-6

Mäander mit der Umgangsfolge 0-5-2-3-4-1-6

Wir lesen von links nach rechts: 0 ist außen, 6 ergibt die Mitte und 1 bis 5 sind die Umgänge. Wir lesen die Umgangsfolge (Linienfolge, Wegfolge) ab: 0-5-2-3-4-1-6. Das ist die Reihenfolge, in der die Wege beschritten werden.
Anmerkungen zur Wegfolge:
Gerade und ungerade Ziffern wechseln sich ab.
Die erste Ziffer nach der 0 ist immer eine ungerade Zahl.

Diese Ziffernfolge setzen wir direkt um und konstruieren ein kreisrundes Labyrinth mit einer größeren Mitte:

Der Ariadnefaden mit der Wegfolge 0-5-2-3-4-1-6

Der Ariadnefaden mit der Wegfolge 0-5-2-3-4-1-6

Das Labyrinth hat 5 Umgänge. Der erste Schritt führt mich direkt ganz nah zur Mitte, in den 5. Umgang, dann pendle ich nach außen auf den 2. Umgang, nähere mich wieder der Mitte im 3. und 4. Umgang um dann ganz nach außen zum 1. Umgang zu schwenken und von dort schließlich in die Mitte.

Es sind alle Formprinzipen, die Hermann Kern (Labyrinthe, 1982, S. 14) für ein Labyrinth fordert, erfüllt.

Gibt es ein historisches Labyrinth mit dieser Linienführung?
So viel ich recherchieren konnte, scheint das nicht der Fall zu sein. (Einsprüche   willkommen).

Bei den in einem der vorherigen Artikel erwähnten Silbermünzen von Knossos aus der Zeit um 500 v. Chr. bis 100 v. Chr. gibt es eine Münze mit der Abbildung eines 5-gängigen Labyrinths, das aber leider fehlerhaft ist.

Quadratisches Labyrinth mit fünf Umgängen und zahlreichen Zeichenfehlern 350-300 v. Chr.

Quadratisches Labyrinth mit fünf Umgängen und zahlreichen Zeichenfehlern 350-300 v.Chr. Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 54 (gedreht)

In der folgenden Zeichnung ist ein quadratisches klassisches 5-gängiges Labyrinth mit der Wegfolge 0-5-2-3-4-1-6 und kleiner Mitte zu sehen. Die Begrenzungslinien sind schwarz, der Weg ist der leere Raum dazwischen.

Quadratisches Labyrinth mit fünf Umgängen

Quadratisches Labyrinth mit fünf Umgängen

Wer will, kann selbst vergleichen und herausfinden was die alten Griechen bei ihrer Münze falsch gemacht haben.
Fairerweise muss ich anmerken, dass es noch 7 weitere Varianten für ein 5-gängiges Labyrinth gibt.

Die Mitte kann aber auch etwas größer werden. In der Zeichnung unten ist zusätzlich das in den Begrenzungslinien enthaltene Grundmuster farblich kenntlich gemacht.

Quadratisches 5-gängiges Labyrinth mit größerer Mitte

Quadratisches 5-gängiges Labyrinth mit größerer Mitte

Das Grundmuster lässt sich sehr vereinfachen auf 2 Punkte und 5 kurze Linien.

Das 5-gängige klassische Labyrinth mit kleiner Mitte

Das 5-gängige klassische Labyrinth mit kleiner Mitte

Zur Konstruktion des Labyrinths fängt man bei der mittleren Linie oben an und verbindet in einem Bogen die rechts daneben liegende Linie. Dann der Reihe nach von links nach rechts parallel zum vorigen Bogen alle Linienenden und Punkte verbinden.

Wer lieber den „gewohnten“ Anblick will, auch das geht:

Das 5-gängige klassische Labyrinth

Das 5-gängige klassische Labyrinth

Das Grundmuster wirkt vertrauter. Wenn man es kopiert und um 180 Grad dreht und richtig ansetzt, erhält man das Grundmuster für das 11-gängige klassische Labyrinth. Oder anders gesagt: Zwei aufeinanderfolgende Mäander dieses Typs ergeben ein 11-gängiges klassisches Labyrinth.

Eine weitere Variante dieses Mäander-Labyrinths ergibt sich, wenn ich eine größere Mitte will, aber nicht die kreisrunde Form wie oben dargestellt:

Das 5-gängige Mäanderlabyrinth

Das 5-gängige Mäanderlabyrinth

Die zwei Wendepunkte rechts und links und der Mittelpunkt der Mitte bilden ein Dreieck. Damit lässt sich die Verwandtschaft mit dem baltischen Rad und dem indischen Labyrinth erkennen. Bei denen geht es allerdings nicht direkt von ganz außen in die Mitte, sondern es schließen sich einige Umrundungen der Mitte an. Zudem hat das baltische Rad einen zweiten kurzen Ein-/Ausgang, was es ja als Labyrinth im ganz strengen Sinn disqualifiziert.

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5 Gedanken zu „Wie mache ich aus einem Mäander ein 5-gängiges klassisches Labyrinth?

  1. Pingback: Das Labyrinth auf den Silbermünzen von Knossos, Teil 1 | bloggermymaze

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  3. Pingback: Zum Mäander im Labyrinth « bloggermymaze

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